Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 87, September 2011 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/27.ausgabe-87-september-2011.html

Kapitalistische Gesellschaft und Reformpolitik

Anmerkungen zu Ellen Meiksins Wood, Demokratie contra Kapitalismus

Karl Hermann Tjaden

Das Buch,[1] zuerst 1995 in der Cambridge University Press erschienen und mit einem Verlagsvorwort und einem Nachwort der Autorin zur deutschen Ausgabe versehen, ist eine Sammlung von teilweise noch älteren Essays, die insgesamt dazu dienen sollen, „die spezifische Besonderheit des Kapitalismus [‚the specificity of capitalism’ im Original] als einem System sozialer Beziehungen und als politisches Terrain zu bestimmen, und dabei die allgemeinen theoretischen Grundlagen des historischen Materialismus zu überdenken“. (20/10 d. engl. Ausg. „Democracy against Capitalism“) Auf diesem weiten Feld soll sich das Werk vor allem um eine bestimmte Frage drehen: ob Demokratie im Sinne von „Volksmacht“ mit dem „Kapitalismus“ „kompatibel“ ist oder nicht. In dem Buch wird die Auffassung vertreten, dass das nicht der Fall ist, „auch wenn es allzeit entscheidend bleibt, für alle möglichen Formen demokratischer Reformen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu streiten“ (297f.). Es geht also um eine sehr wichtige Frage. Man geht daher mit hoch gespannten Erwartungen an das Buch von Ellen Meiksins Wood heran, jener nordamerikanischen Politologin und Historikerin, die, wie der Verlag mitteilt, „als eine der bedeutendsten marxistischen TheoretikerInnen der angloamerikanischen Welt“ gilt. (7)

Es gibt zwei Hauptteile, in denen, jeweils historische und theoretische Argumentationen kombinierend, im wesentlichen Folgendes thematisiert wird: (1) die Vorgeschichte und die Eigentümlichkeit des Verhältnisses von Staat und Ökonomie im Kapitalismus (27-181) und (2) die ökonomisch-sozialen Grundlagen und die Formen von Demokratie in der europäischen Antike und im Kapitalismus (183-286), gefolgt von einer Zusammenfassung und dem aktuellen Nachwort. Dies alles verbindet sich mit kritischen Betrachtungen zur Begrifflichkeit und zum Geschichtsverständnis diverser Marxismen, wobei sich die Autorin selber als Protagonistin eines (kleingeschriebenen[2]) „historischen Materialismus“ versteht. Dieser erscheint ihr, „gerade weil er die ergiebigste Kapitalismuskritik bietet, durch den zeitgenössischen ‚Triumph des Kapitalismus’ relevanter denn je […]“. (25)

Trennung von Ökonomie und Politik im Kapitalismus

Der erste Hauptteil (und hier vor allem der grundlegende erste, schon 1981 geschriebene Aufsatz) zielt darauf ab zu zeigen, dass die spezifische „Trennung von Ökonomie und Politik im Kapitalismus“, von „privater Aneignung und öffentlichen Pflichten“, eine Differenz ist, die wesentlich innerhalb des gesamten Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse fungiert. Meiksins Wood hebt hervor, daß diese Besonderheit Resultat eines „historischen Differenzierungsprozesses zwischen Klassenmacht und Staatsmacht“ ist, einer „eigen- und einzigartigen ‚autonomen’ Entwicklung der schließlich in den Kapitalismus auslaufenden ökonomischen Sphäre“. Deren Ergebnis ist die formale Trennung der ökonomischen Macht, die zur Aneignung der Mehrarbeit „direkter politischer Macht“ nicht (mehr) bedürfe, von der politischen Macht, wobei jedoch die Ökonomie aufgrund der Organisation und Kontrolle der gesellschaftlichen Produktion gleichwohl über politische Macht (wenn auch nicht „im konventionellen öffentlichen Sinne“) verfüge, neben dem „gleichzeitig in sie eingreifende[n] Staat“. (29-53, Hervorh. i. Original) Die Komplexität ihres Ökonomie-Politik-Konzeptes veranlasst die Autorin, traditionelle marxistische Konstrukte, vorab die Basis-Überbau-Dualität, aber auch die Kategorien Produktionsweisen und Gesellschaftsformationen, Klassen, Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte und deren geschichtliche Bedeutung zu „überdenken“. (21, 57ff., 83ff., 113ff.) Dies geschieht in weiteren Aufsätzen in Teil I durch mehr oder minder ausführliche Auseinandersetzungen mit Theoremen und Konzepten vor allem westeuropäischer Autoren aus dem letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts sowie mit Max Weber (151ff.).[3] Diese Diskussion läuft darauf hinaus, den Prozesscharakter und die Historizität gesellschaftlicher Verhältnisse hervorzuheben, dichotomischen Modellen von Klassenverhältnissen und der Basis-Überbau-Beziehung entgegenzutreten, gesellschaftsgeschichtlichem Determinismus ebenso wie gesellschaftsgeschichtlicher Kontingenz eine Absage zu erteilen und dafür die geschichtliche Bewegung des Kapitalismus sowie seine bereits erwähnte „Besonderheit“ und seinen „spezifischen Widerspruch“ („specificity of capitalism“, „the specific contradictions of capitalism“) in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. (129ff., 139ff./124ff., 135ff.)

Demokratie versus Repräsentation

Die Kapitel des zweiten Hauptteils des Buches sollen „die politischen Implikationen entfalten, die aus der Besonderheit des Kapitalismus folgen“, also aus der formalen Trennung von Politik und Ökonomie und dem „Transfer bestimmter ‚politischer’ Mächte in die ‚Ökonomie’ und die ‚Zivilgesellschaft’“ („transfer of certain ‚political’ powers to the ‚economy’ and ‚civil society’“, 23/14) Solche Übertragungen politischer Gewalten beeinflussen natürlich die Bedeutung und Reichweite eines staatsbürgerlichen Mitwirkens und somit des Potenzials von Demokratie, worum es in diesem Buchteil – dessen Titel deckt sich mit dem Gesamttitel des Buches: „Demokratie contra Kapitalismus“ – vor allem geht. Zur Verdeutlichung jener Implikationen werden vergleichende historische Politikbetrachtungen vorgenommen, vor allem mit Blick auf die antike athenische Demokratie (185-239). Meiksins Wood geht davon aus, dass wirkliche Demokratie Herrschaft des demos, also des Volkes ist, oder „Regierung durch die Bevölkerung“, wie es im deutschen Nachwort auch heißt (297). Ungeachtet des Ausschlusses von Frauen, Sklaven und Ausländern aus der politischen Bürgerschaft, der Polis, und damit von der Volksherrschaft in Athen gab es dort – nach Auffassung der Autorin: erstmals und einmalig in der Gesellschaftsgeschichte – die uneingeschränkte Staatsbürgerschaft der freien arbeitenden Bauern (und Handwerker), auch wenn der dortige philosophische Mainstream das nicht wahrhaben wollte.[4] (186ff.) „Demokratische Bürgerschaft in Athen bedeutete, dass kleine Produzenten im großen Maße frei waren von außerökonomischen Zumutungen […]“. (205) Letzteres änderte sich z.B. in den europäischen Feudalgesellschaften, wurde aber durch die Entwicklung kapitalistischer Produktionsweisen wieder durchgesetzt, dies jedoch im Einklang mit einer grundlegenden Einschränkung demokratischer Bürgerrechte, die auch dann noch in Kraft blieb, als alle möglichen Wahlrechtsbeschränkungen gefallen waren. Die Autorin zeigt dies eindrucksvoll an modernen Bürgerschaftskonzeptionen, angefangen bei der „amerikanischen Neudefinition der Demokratie“ mittels der „Formel der ‚repräsentativen Demokratie’ […] als Antithese zur demokratischen Selbstbestimmung“. Das bedeutete: „konstituierend für die Demokratie war: nicht die Ausübung der politischen Macht, sondern der Verzicht auf sie, ihre Übertragung auf andere, d. h. die Entfremdung von ihr.“ (215f., 219, Hervorh. im Original) Hieran anschließend erörtert die Autorin weitere Wandlungsformen des Demokratiekonzepts (z.B. „Liberale Demokratie“) und dessen Verdünnungen und Entwertungen z.B. durch „zivilgesellschaftliche“ und andere Ideen, „von den abstrusesten ‚postmarxistischen’ und ‚postmodernistischen’ Theorien zum Aktivismus der ‚neuen sozialen Bewegungen’“ (235-266). Ellen Meiksins Wood vertritt die Auffassung, daß bestimmte außer-ökonomische Werte (nämlich friedens- und umweltpolitische Zielvorstellungen) „mit dem Kapitalismus einfach nicht vereinbar sind“, wohingegen Sexismus und Rassismus zwar zu kapitalistischen Zwecken genutzt werden können, aber nicht zwingend mit dieser Wirtschaftsweise verbunden sind, was impliziere, dass Kämpfe gegen lediglich diese Arten von Unterdrückung „für den Kapitalismus nicht wirklich gefährlich“ sind (267-286).

In den abschließenden Teilen des Buches wird zunächst „linken“ Sozialstaatsillusionen mit – auch mit Kostenargumenten begründeter – Skepsis begegnet, was aber nicht bedeute, dass „die Linke den Sozialstaat und die Umweltbestimmungen [„environmental regulation“] nicht mehr mit aller Kraft verteidigen sollte. […] Der Punkt ist vielmehr, dass es einfach darum geht, die Grenzen des Kapitalismus zu erkennen.“ (290f./288) Der Autorin „scheint […] die langfristige theoretische Hauptaufgabe der Linken zu sein, über alternative Mechanismen zur Regulation gesellschaftlicher Produktion nachzudenken. Die alte Wahl zwischen Markt und zentralisierter Planung ist unfruchtbar.“ (292) „Ich stelle mir die Demokratie als einen ökonomischen Regulator vor, als den treibenden Mechanismus der Ökonomie.“ (293, Hervorh. i. Original) Das ursprüngliche Nachwort endet mit der „Lektion“, „dass ein humaner, ‚sozialer’, wirklich demokratischer und gerechter Kapitalismus unrealistischer und utopischer ist als der Sozialismus.“ (295) Und das neue Nachwort zur vorliegenden Ausgabe folgert daraus: „Die Frage ist deswegen, wie wir das ‚demokratische Defizit’ im heutigen globalen Kapitalismus fassen und welches die prinzipiellen Ziele demokratisch-antikapitalistischer Kämpfe sein sollten.“ (298) Dabei sei zu bedenken, dass dieser globale Kapitalismus „von einem System multipler Lokalstaaten verwaltet wird“, was imperialistische Aktivität zu einem „widersprüchlichen Geschäft“ mache und zugleich bedeute, „dass lokale und nationale Kämpfe heute wichtiger denn je sind.“ (300, 302) Zwei Schlussfolgerungen seien aus all dem zu ziehen: (1) „die Möglichkeiten, den Kapitalismus zu reformieren, [werden] begrenzt […] durch seine wesenhafte Natur [sic] und jene Bedingungen, die es zur Aufrechterhaltung seiner selbst bedarf“; (2) „es bleibt […] elementar wichtig, für jede denkbare Verbesserung der Lebensbedingungen und jede mögliche Kontrolle der destruktiven Konsequenzen des Kapitalismus zu streiten. Dies beinhaltet den Versuch einer Dekommodifizierung und Demokratisierung so vieler Lebensbereiche wie möglich […]“. (301) Dass diese beiden Schlussfolgerungen nicht sehr inhaltsreich sind, ist vielleicht der Grund dafür, dass Meiksins Wood noch eine „gute Neuigkeit“ anfügt: „dass die Möglichkeiten des Kampfes innerhalb des kapitalistischen Systems – um welche Ziele auch immer – größer sind, als es uns in den meisten Globalisierungskonzeptionen zu glauben nahe gelegt wird.“ (301)

Das klingt ein wenig wie lautes Pfeifen im dunklen Wald.

Folgerungen und neue Überlegungen

Wenn bezüglich der Frage nach den möglichen Aufgaben und Zielen demokratischer Politik in der und gegen die kapitalistische Wirtschaftsweise, also einer alternativen oder Reform-Politik, kaum Handfestes und Greifbares herausgekommen ist, dann heißt das selbstverständlich nicht, dass dieses Buch nicht sonst irgendwie ertragreich sei. Das Gegenteil ist der Fall: es finden sich in ihm eine ganze Reihe vorwärtsweisender, vor allem der historischen Kritik traditioneller Prospekte unserer Gesellschaftsgeschichte entspringender Befunde und Gedanken, die unsere Sicht auf den Kapitalismus und seine Vorgängergesellschaften schärfen und die zu neuen Überlegungen auffordern.

(1) Das zeigt sich vorab am zentralen Thema „Demokratie“. Die Herausarbeitung von Zusammenhängen und vor allem des Unterschiedes zwischen dem antik-athenischen Demokratiekonzept und dem modernen Begriff der „repräsentativen Demokratie“, in eins mit dem Aufzeigen des darin sich spiegelnden Wandels des Ökonomie-Politik-Verhältnisses, ist sicherlich ein Glanzstück historisch-materialistischer Realitäts- und Ideologiekritik. Sie räumt auf mit simplifizierenden sozialistischen Argumenten, die nur den diskriminatorischen Charakter der Polis-Verfassung zur Kenntnis nehmen, und mit ebenso simplifizierenden Glorifizierungen der indirekten Demokratie und damit verbundener potentieller Parlaments- und Regierungsaktivitäten. Es wäre allerdings interessant zu erfahren, aus welchen Gründen die Ökonomie im Entwicklungsgang von der Antike bis zur Moderne im Westen Eurasiens schließlich derart gegenüber der staatlichen Politik sich verselbständigen und sozusagen rein darstellen und wahrnehmbar machen konnte, wie das im aktuellen Kapitalismus der Fall ist.

(2) Zu den weiterweisenden historischen bzw. gesellschaftswissenschaftlichen Einsichten in diesem Buch gehört meines Erachtens auch die (eingangs erwähnte) Betonung der „eigen- und einzigartigen“, also Sonder-Entwicklung einer Reihe von vorkapitalistischen (nämlich westeurasischen) Gesellschaften zum Kapitalismus hin. Dass das im Laufe der Jahrtausende entwickelte und sich wandelnde wechselseitige Stützungs-Verhältnis von ökonomischer und politischer Macht bereits in der europäischen Antike (und wohl noch früher) realisiert worden ist, sollte allerdings durch die Erkenntnis ergänzt werden, daß diese Interaktion zu jener Zeit tatsächlich als einheitlicher Mechanismus eines organischen Systems funktionierte, des Systems „Vater und Ehemann in der patriarchalen Familie“ nämlich. So war die politische Macht etwa des männlichen römischen Bürgers und vor allem Amtsträgers zugleich nicht nur Macht des Eigentümers von Wirtschaftsgut, sondern auch Macht – Verfügungs- und Zwangsgewalt – des paterfamilias, also des Vaters und Ehemanns über seine weiblichen und männlichen Kinder und ggf. (es gab verschiedene Eheformen) über seine Ehefrau – institutionalisierte Gewalt, die, wenn auch in veränderten Gestalten, bis heute wirkt. Der westliche Sonderweg der Gesellschaftsgeschichte, aus dem schließlich die kapitalistische Gesellschaft herauskommt, wurde also auf recht komplexe Weise realisiert, aber er ist nichtsdestotrotz historisch beschreibbar und theoretisch begreifbar.

(3) Die Konzentration der Studien im vorliegenden Buch auf die Realhistorie der modern-bürgerlichen oder kapitalistischen Gesellschaft (und auf deren Vergleich vor allem mit antiken Sozialsystemen) hat es der Autorin ermöglicht, das moderne ideologische Palaver im allzu breiten Spektrum der politischen „Linken“ einer wahrhaft historisch-materialistischen Kritik zu unterziehen, deren Treffsicherheit ihresgleichen sucht. Jene Ausrichtung ihrer Arbeit auf den genannten Gegenstandsbereich geht aber mit einer unverzeihlichen Verachtung aller Langfrist-Betrachtungen und ihnen entsprechender Begriffsbildungen zum Entwicklungsgang der „westlichen“ (nämlich westeurasischen und neoeuropäischen) Zivilisation insgesamt einher. Das ist nicht nur unverträglich mit dem Denken der Klassiker des Marxismus, sondern behindert auch die Perspektive auf die aktuellen Verhältnisse und Beziehungen zwischen „westlichen“ imperialistischen und anderen kapitalistisch kontrollierten Gesellschaften.

(4) Erfreulich an diesem Buch ist auch die Demontage von allerlei gedankenlos umlaufenden Konzepten und Konstrukten eines (schon des längeren abgestorbenen) Dialektischen Materialismus, bis hin zu der immer noch erfrischenden (wenngleich nicht neuen) Feststellung, dass das Prinzip des Widerspruchs von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ziemlich „nichtssagend“ („vacuous“, 138/134) ist und für die Erklärung historischer Veränderungen kaum etwas hergibt. Allerdings ist zu bemerken, dass die theoretischen Argumente der Autorin gegen das, was sie transhistorische und universelle Theorien nennt, sich immer noch allzu sehr im Innenraum tradierter historisch-materialistischer Begrifflichkeit bewegen, was den Durchbruch zu einer neuen Sicht der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und der Möglichkeiten einer Zurückdrängung und Überwindung ihrer Wirtschaftsweise erschwert. Beispielsweise kritisiert sie zwar die Vorstellung von „Produktivkräften“ („forces of production“, 137/133) als eines autonomen historischen Bewegungsprinzips, möchte sie aber doch jedenfalls als Grundlegung von „ultimativen Voraussetzungen des Möglichen“ („ultimate conditions of the possible“, 138/134) betrachten – als wenn sie und wir wüssten, was „die Produktivkräfte“ (im Unterschied zum Begriff „Produktivkraft der Arbeit“) wirklich sind.[5]

(5) Wichtig ist schließlich auch, dass das Buch ausdrücklich die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten des praktischen Eingreifens in den laufenden Unsinn des kapitalistisch geprägten „Welt“-Geschehens stellt. Das gilt insbesondere deshalb, weil die Autorin ausdrücklich eine Unvereinbarkeit ökologisch wie pazifistisch orientierter Umbrüche mit den Gesetzmäßigkeiten kapitalistischer Wirtschaftstätigkeit annimmt und feststellt. Es läge nun allerdings nahe, ihren Begriff „demokratisch-antikapitalistische Kämpfe“ (298) mit der Ziel- und Verfahrensvorstellung eines Zurückdrängens von Raubbau- und Kriegsaktivitäten zu verbinden, einschließlich der Aufgabe einer Beschränkung der dazu benutzten produktions- und militärtechnischen Mittel. Dass sie entsprechende Sachverhalte und Zielvorstellungen in ihre Überlegungen zur demokratischen Durchsetzung einer neuen „ökonomischen Logik“ („new economic logic“) nicht einbezieht, ist eigenartig und hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Ellen Meiksins Wood sich im wesentlichen nur für die ökonomische, nicht aber für die technische Seite von Produktionsweisen interessiert. Zugleich ist es wohl auch einer der Gründe dafür, dass sie bekennen muss: „Ich behaupte nicht, dass ich die Antworten hätte.“ („I do not pretend to know the answers.“) (294/292) Das Aussparen solcher Fragen, ja des Sachverhalts der militärischen Auseinandersetzung zwischen Gesellschaften und des aggressiven Verhaltens von Menschen gegenüber ihren Um- und Mitlebewelten selber, verhindert offenbar, entsprechende realpolitische Vorschläge zu kapitalismuskritischen Maßnahmen zur Kenntnis zu nehmen und (zumindest im neuen Nachwort) in ihr Demokratiekonzept einzubauen; Vorschläge, die Maßnahmen zur Beschränkung und zum Um- und Rückbau kapitalistischen Wirtschaftens beinhalten und die zusammengenommen eine Reformvariante[6] der kapitalistischen Reproduktion darstellen. Solche Überlegungen werden ja in Nordamerika wie in West-Europa seit langem angestellt und prägen heute zunehmend, weit entfernt von einem (von der Autorin zu Recht kritisierten) sozialbewegten Aktionismus, seriöse „linke“ Strategie-Diskussionen.

Allerdings: das Prinzip „Demokratie contra Kapitalismus“ mit einem Instrumentarium praktischer Restriktionen kapitalistischer Produktion und Reproduktion zu verbinden, wäre eine Politik mit unsicheren Erfolgsaussichten. Ob die Kritiker des Kapitalismus dadurch einer Überwindung dieser Wirtschaftsweise näher kommen könnten, würde erst die Praxis zeigen. Dabei wäre auch zu bedenken, wie damit umzugehen ist, dass entsprechende Um- und Rückbauvorhaben leicht Gegenstand von Geschäftstätigkeit im Kapitalinteresse werden.[7] Ob die Kritiker davor die Waffen strecken müssen oder vielleicht sich dies sogar zunutze machen können, bedarf gründlicher Überlegungen.

Desiderate

Was Meiksins Wood an Kritik oberflächlicher Konzepte, die im Rahmen eines marxistischen Verständnisses des Kapitalismus auftauchen, Großes geleistet hat, geht ihr an Kritik des zivilisatorischen Prozesses, in den der Kapitalismus eingefügt ist, sowie der Einbettung beider in die Naturgeschichte ab. Ihr Begriffsgerüst und ihre Erkenntnisarbeit beziehen sich, beschränken sich aber auch, auf die nach-neolithische Gesellschaftsgeschichte im Westen Europas bzw. Neoeuropas, das heißt, dass für vor-kapitalistische Gesellschaften nur bäuerliche Lebens- und Arbeitsverhältnisse und Gemeinwesen Pate stehen, und diese Beschränkung verbindet sich mit einer verkürzten Sicht auf diese Gesellschaften selber, in denen es nicht nur Ökonomie und Politik gab. Zu sehen, dass die vor- und frühgeschichtlichen Gesellschaften von Ackerbauern und Tierzüchtern, eingeengt jeweils in räumlich begrenzte Naturpotentiale und Umweltbedingungen, eingebunden in eine grundsätzlich unsichere Lebensgrundlage und so zu Überarbeit gezwungen, daher alsbald als Klassengesellschaften verfasst waren, einander bekriegten und ihre Umwelt beraubten, was alles sich auf immer höherer „Stufenleiter“ fortsetzen musste, bis schließlich die kapitalistische Produktionsweise entstand: das bedeutete bereits eine weitere Sichtweise, was sich auch auf das Verständnis dieser modernen Produktionsweise auswirken sollte. Es diente auch der Erweiterung des Begriffsrahmens einer Betrachtung der Geschichte menschlicher Gesellschaften überhaupt, wie sich beispielsweise in mancherlei Texten und Notizen von Friedrich Engels zeigt.

Apropos Engels: Er wird von Ellen Meiksins Wood selten erwähnt, und sie schätzt ihn nicht. Das wird deutlich bei der Erwähnung gewisser Marxisten, „die es vorzogen (nicht ohne Anregung durch Marx selbst und vor allem durch Engels’ Dialektik der Natur [„from Engels’‚dialectics of nature’“]), die Kritik der politischen Ökonomie und all das, was sie beinhaltet, zu vergessen zu Gunsten eines technologischen Determinismus und einer mechanischen und unilinearen Abfolge von Produktionsweisen […]“. (14, Hervorh. i. Orig./4) Das ist eine recht fragwürdige Auffassung, die wohl im Wesentlichen gängigen Vorurteilen folgt.[8]

Die Übersetzung stellte sicherlich eine schwierige Aufgabe dar und sie kann nicht immer voll beglücken.[9] Dass „race“ mit „ethnische Herkunft“ übersetzt wird, bezeugt ein Übermaß politischer Korrektheit. Rasse ist, abgesehen davon, dass es auch ein verfassungsrechtlicher sowie ein naturkundlicher (Subspezies) Begriff ist, ein in Deutschland eingebürgertes Wort, aus dem sich der Begriff Rassismus nahtlos ableitet und das in deutschen Köpfen leider gut verankert ist, als ein ideologisches Konstrukt auf derselben Wirklichkeitsebene wie beispielsweise das Konstrukt Geschlecht.

Das Buch insgesamt, kurz gesagt, ist oft nicht leicht zu lesen, aber es scheint mir, vor allem, was den zweiten Hauptteil und die Schlussteile betrifft, überaus lesenswert zu sein.

[1] Ellen Meiksins Wood, Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus, Aus dem Englischen von Ingrid Scherf und Christoph Jünke, Neuer ISP Verlag, Köln/Karlsruhe 2010, 304 S., 29,80 Euro.

[2] So auch im englischen Original, im Unterschied zu „Marxism“, vgl. dort z.B. S. 19.

[3] Nicht berücksichtigt werden die Ergebnisse kritischer Forschungen zum kategorialen layout materialistischer Gesellschaftswissenschaft und zum realen Prozess gesellschaftlicher Produktionsverhältnisse, Produktionsweisen oder Gesellschaftsformationen, die zur selben Zeit von Wissenschaftler/inne/n im „Ostblock“, zum Beispiel in der DDR, veröffentlicht worden sind. Ich nenne hier nur drei gewichtige Sammelbände: Engelberg, Ernst/Küttler, Wolfgang, Hrsg., Formationstheorie und Geschichte, Studien zur historischen Untersuchung von Gesellschaftsformationen im Werk von Marx, Engels und Lenin, Berlin (DDR), Vaduz 1978; Herrmann, Joachim/Sellnow, Irmgard, Hrsg., Produktivkräfte und Gesellschaftsformationen in vorkapitalistischer Zeit, Berlin (DDR) 1982; Herrmann, Joachim/Köhn, Jens, Hrsg., Familie, Staat und Gesellschaftsformation – Family, State and the Formation of Society, Berlin (DDR) 1988.

[4] Allerdings: „Wie man sich das Verhältnis zwischen politischem Leben und Arbeit konkret vorzustellen hat, ist rätselhaft“, so Christian Meier, Athen, Ein Neubeginn der Weltgeschichte, Berlin 1993, S. 492.

[5] Historisch-materialistisch denkende Wissenschaftler haben schon vor Jahrzehnten deutlich gemacht, dass Begriffe wie „Produktivkräfte“ einen äußerst unklaren und in mancherlei Verwendungen überhaupt keinen sinnvollen Gegenstandsbezug haben und daß man von Produktivkraft nur dann sprechen sollte, wenn mit diesem Wort wirklich eine Kraft begriffen werden soll (z.B. die Produktivkraft der Arbeit). Vgl. vor allem Stiehler, Gottfried, Gesellschaft und Geschichte, Berlin (DDR) 1974; Ruben, Peter, Über die Produktivkräfte und ihre Entwicklung, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 32, 1984, S. 981-990.

[6] Vgl. zum Begriff Reformvariante: Huffschmid, Jörg/Jung, Heinz, Reformalternative, Ein marxistisches Plädoyer, Frankfurt-M. 1988, 62ff.

[7] Vgl. hierzu den Vortrag von Thomas Kuczynski „Zum Wert der Natur“ auf der SALZ-Konferenz „Ökologie & Arbeit“, Kassel 19.03.2011.

[8] Man erwartet entsprechend den Regeln des Wissenschaftshandwerks eine Fußnote mit Verweisung auf mindestens eine Textstelle bei Engels, durch die die beanstandete Fehleinschätzung gesellschaftlicher Entwicklungen durch Engels belegt wird, und zwar, wenn man es genau nehmen wollte, am besten in der Sammlung von Engels-Texten, die unter dem Titel Dialektik der Natur veröffentlicht worden ist. Das gibt es aber nicht. Auch meine diesbezügliche Recherche im Sachregister des Apparats der Bände MEGA I 26, in denen die „Dialektik der Natur“ 1985 im Dietz Verlag Berlin erschienen ist, hat bezüglich der Auffassung einer mechanischen und unilinearen Abfolge von Produktionsweisen nichts erbracht – obwohl sich die MEGA-Bearbeiter/innen damals wahrscheinlich durchaus bemüht haben, im Textband Einschlägiges zu finden und im Apparatband zu vermerken. – Meine eigene Einschätzung Engels’ habe ich dargestellt in meinem kürzlich gedruckten Vortrag „Friedrich Engels, ein weltoffener Materialist …“, Marxistische Blätter 1/2011, S. 61-70.

[9] Das hat sich en passant zuweilen herausgestellt. Hier zwei Beispiele: (1) die Übersetzung von „the compulsion to transfer it [scil. the ‚surplus’]“ mit „des Zwangs zur Veräußerung“ (engl. 109/dt. 114); hier fehlt nicht nur die Angabe des Objekts (surplus), sondern wird auch unterstellt, daß dieser (in verschiedenartigen Produktionsweisen in Form von Mehrarbeit oder Mehrprodukt erzwungene) Surplus durch den Produzenten (denn es ist hier vom Produzenten des Surplus die Rede) veräußert, also verkauft werden könne – obwohl er ihm entweder gar nicht gehört oder für ihn jedenfalls nicht beliebig verfügbar ist. (2) die Übersetzung von: „Despite the fact that in the struggle to determine the shape of the new republic it was the anti-democrats who won, even at the moment of foundation the impulse toward mass democracy was already too strong for that victory to be complete“ mit: “[…] war der Impuls für eine Massendemokratie bereits zum Gründungszeitpunkt zu stark, um einen vollständigen Sieg zu erringen“, anstelle von „als dass jener Sieg vollständig gewesen wäre“. (engl. 213f/dt. 216).

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 87, September 2011