Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 87, September 2011 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/27.ausgabe-87-september-2011.html

Das Gesetz des tendenziellen Falls der allgemeinen Profitrate – Engels versus Marx?

Müller, Klaus

Kritik an Engels

Die „ Offizialmarxisten“ formten den Mythos vom Schaffens-, Kampf- und Freundesbund zwischen Marx und Engels, vergleichbar mit den Dioskuren Damon und Phintias aus der griechischen Sagenwelt (Eleanor Marx über des Vaters Verhältnis zu seinem Freund), stärker als die geistige Verbindung zwischen Lessing und Mendelssohn, fruchtbar wie die Zusammenarbeit zwischen Goethe und Schiller. Die „neue Marx-Lektüre“ im Westen und einige „geläuterte“ marxistisch-leninistische „Traditionsdogmatiker“ setzen dem deftige Aversionen gegen Engels entgegen. Neu ist das „Engelssyndrom“ nicht. Unmittelbar nachdem Engels 1885 das zweite und 1894 nach zwölfjähriger redaktioneller Arbeit das dritte Buch des Kapital herausgegeben hatte, wurde er unter Generalverdacht gestellt, Marx missverstanden, dessen Intentionen entstellt und populistisch verzerrt zu haben. Dabei wollte er die Manuskripte „so wörtlich wie möglich wieder ... geben, am Styl nur das ... ändern was Marx selbst geändert haben würde,...[1] und „den Charakter des ersten Entwurfs, überall wo es die Deutlichkeit zuließ, möglichst beibehalten“.[2]

Die Aufgabe war schwer. Vom II. Buch sei „alles Brouillon, mit Ausnahme von etwa 2 Kapiteln“, notierte Engels am 30. August 1884. „Die Belegzitate ungeordnet, haufenweise zusammengeworfen, bloß für die spätere Auswahl gesammelt. Dabei die platterdings nur mir lesbare – und das mit Mühe – Handschrift.“[3] In ähnlichem Zustand auch Teile des dritten Buches, so das 5. Kapitel über Kredit, Zins, fiktives Kapital. Über weite Strecken fand Engels nur eine Material- und Zitatensammlung mit gelegentlichen Bemerkungen von Marx vor, dazu Lücken, Wiederholungen und Sprünge.[4]

Es waren dies Niederschriften, Entwürfe, Notizen, bald zusammenhängende große Abschnitte, bald kurze hingeworfene Bemerkungen, wie sie ein Forscher zur eigenen Verständigung macht, schreibt Franz Mehring.[5]

Möglichkeiten, den Inhalt nicht immer korrekt zu erfassen, waren aufgrund der komplizierten Ausgangslage gegeben. Doch Kautsky mahnte: Werde behauptet, Engels habe „nicht immer den Marxschen Gedankengang voll erfasst“, dann bliebe nur der Vergleich des von Engels bearbeiteten Textes mit dem Marxschen Original. Aber selbst wenn er, Kautsky, dies täte und zu anderen Ergebnissen gelangte als Engels, „welche Gewähr hätten die Leser, das gerade meine Auffassung dem Marxschen Gedankengang näher käme als die Engelssche?“[6] Besonnene Stimmen auch heute: Michael R. Krätke nennt die Engels-Schelte maßlos überzogen.[7] Weshalb sollten die zeitgenössischen Engels-Kritiker, ein halbes bis ein Dreivierteljahrhundert nach Marx‘ Tod geboren, den Meister besser verstehen als ihn Engels verstanden hat, der Freund, mit dem Marx so manche Nacht rauchend und trinkend, „alle seit ihrem letzten Beisammensein vorgefallenen Ereignisse“ durchspricht (Paul Lafargue,1890)?

Nach Publikation der Marxschen Originalmanuskripte, die erstmals einen Vergleich der gedruckten Werke mit dem Urtext ermöglicht, hat sich die Aufregung nicht gelegt. Engels habe so stark redigiert, dass man von einer Verfälschung sprechen könne.[8]

Die Editoren der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) „verweisen auf Akzentverschiebungen zwischen dem Marxschen Manuskript und der Engelsschen Darstellung beispielsweise in der Behandlung des tendenziellen Falls der Profitrate und dessen Bedeutung für die langfristige Entwicklung des Kapitalismus: Die Manuskripte mit ihren verschiedenen Ansätzen dokumentieren, dass Marx diesbezüglich noch nicht zu einer finalen Ausarbeitung gelangt war, wie sie in der Druckfassung von Engels suggeriert und dann rezeptionsgeschichtlich wirkmächtig wurde.“[9] Der Vergleich der Manuskripte mit der Druckfassung mache deutlich, „wie sehr der Gedanke vom Zusammenbruch des kapitalistischen Systems im dritten Band des Kapitals durch redaktionelle Eingriffe von Engels akzentuiert worden ist.“[10]

Zweifelte Marx am Gesetz des tendenziellen Falls?

Marx hatte in den Grundrissen (1857/58) den Fall der Profitrate als „dies in jeder Beziehung wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie“ bezeichnet.[11] Im Manuskript 1861-1863 schrieb er, das Gesetz enthülle „die Entwicklungstendenz des Verwertungsgrades eines durch die industriellen Kapitale konstituierenden Gesamtkapitals“.[12]

In der Rohfassung des dritten Buches, geschrieben zwischen Sommer 1864 und Dezember 1865, begründet Marx im dritten Kapitel auf 55 Seiten diesen Standpunkt. Er stellt dort das Gesetz als solches dar, benennt die entgegenwirkenden Faktoren, auf die er auch im Manuskript 1861-1863 eingegangen war und ergänzt diese beiden Punkte, indem er die inneren Widersprüche erläutert, die sich im Gesetz zeigen.[13] Marx hat in der Urfassung des dritten Buches früher geäußerte Gedanken zum Fall der Profitrate wiederholt und vertieft, aber mit keiner Silbe relativiert oder gar angezweifelt. Engels konnte sich also auf eine abgeschlossene Darstellung zum Problem stützen. Was Marx im Rahmen einer denkbaren Überarbeitung daran geändert haben könnte, ist rein spekulativ und für die Untersuchung belanglos. Im Text gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass Marx in dieser Frage noch unsicher gewesen sein könnte.

Engels hat die Marxsche Ausarbeitung behutsam und doch konsequent redigiert, einige Wiederholungen und Unwesentliches gestrichen, Zahlenbeispiele gestrafft, hat den Text stilistisch verbessert, z. B. dadurch, dass er aus langen mehrere kleine Sätze bildet. Doch keinesfalls hinterlässt sein Text einen Eindruck, den der Leser nicht auch schon aus der Originalschrift gewinnen kann. Engels übernimmt Struktur und alle wesentlichen Inhalte des Marxschen Urtextes, präsentiert das Marxsche dritte Kapitel als dritten Abschnitt seines Buches[14] , gibt dem Ganzen dadurch eine übersichtlichere Form, dass er den Text in drei Kapitel packt (13. Kapitel: Gesetz als solches, 14. Kapitel: Entgegenwirkende Faktoren mit sechs Untergliederungen, die im Marx-Text nicht hervorgehoben, aber enthalten sind, 15. Kapitel: Entfaltung der inneren Widersprüche des Gesetzes mit vier Untergliederungen des Marxschen Textes). Laut Vollgraf und Jungnickel täuschten die drei Kapitelüberschriften des 3. Abschnitts „Fertiges und strukturell Durchdachteres als gerechtfertigt“ vor.[15] Diese Kritik wurde bereits von Wolfgang Jahn mit Recht zurückgewiesen.[16] Die Engelsschen Überschriften treffen zielgenau den Marxschen Textinhalt.

Das Gesetz als solches besagt, dass der Anstieg der technischen und organischen Zusammensetzung selbst dann dazu führt, dass die Profitrate fällt, wenn die Mehrwertrate steigt. Zugleich wird die Profitmasse größer, weil im Akkumulationsprozess das gesellschaftliche Gesamtkapitals und daher auch das variable Kapital wachsen.[17] Das ist die Botschaft des Karl Marx. Engels hat nichts verschwiegen, hinzu gedichtet oder anders akzentuiert. Nur das 13. Kapitel ergänzt er, indem er zeigt, wie die Umschlagszahl des Kapitals und die im Ergebnis von Produktivitätssteigerungen sinkenden Preise auf die Profitrate wirken.[18] Marx hätte dem sicher zugestimmt, hatte er doch Engels am 30. April 1868 mitgeteilt, im dritten Buch den Einfluss des Kapitalumschlags auf die Profitrate darstellen zu wollen, dieses Vorhaben aber nicht mehr ausgeführt. Engels konnte an die ausführlichen Darstellungen anknüpfen, die sich dazu in den Manuskripten 1863-1865 finden.[19] Er kommt dabei, nebenbei bemerkt, zum Ergebnis, dass sich „die Profitrate, wenn nur auf die Preiselemente der einzelnen Waare berechnet, sich anders darstellen (würde) als sie wirklich ist.“[20] Die eine ist die „Kostpreisprofitrate“, die andere, die „wirkliche“, die Kapitalvorschussprofitrate. Beide fallen nur zusammen, wenn das Kapital gerade einmal im Jahr umschlägt. Okishio und Heinrich zeigen, unter welchen Bedingungen die auf den Kostpreis bezogene Profitrate steigt, widerlegen aber damit keineswegs, wie sie glauben, den Fall der Marx-Engelsschen Kapitalvorschussprofitrate.[21]

Entgegenwirkende Faktoren

Nach seinem Einschub beginnt Engels das 14. Kapitel, übernimmt wiederum mit stilistischen Korrekturen die bei Marx vorgefundenen Ausführungen. Er hebt die dem Fall der Profitrate entgegenwirkenden Faktoren durch gesonderte Gliederungspunkte hervor, behält Reihenfolge und Akzentuierung bei, die Marx gewählt hatte.

1) Erhöhung des Exploitationsgrades der Arbeit (MEGA II/4.2, S. 302-305)

2) Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Werth (MEGA II/4.2, S. 305)

3) „daß der Wert des constanten Capitals nicht in demselben Verhältniß wächst...“ (MEGA II/4.2, S. 305). Engels formuliert als Überschrift: Verwohlfeilerung der Elemente des konstanten Kapitals (MEGA II/15, S. 232)

4) Die relative Surpluspopulation (MEGA II/4.2, S.305-306); Engels titelt: „Die relative Ueberbevölkerung“ (MEGA II/15, S. 233-234)

5) Der auswärtige Handel (MEGA II/4.2, S. 306-308)

6) Das zinstragende Kapital (MEGA II 4.2, S. 309). Engels formuliert: „Die Zunahme des Aktienkapitals“ (MEGA II/15, S. 237), übernimmt darunter mit wenigen, inhaltlich unbedeutenden Änderungen die Marxschen Sätze.

Die Quintessenz bei beiden übereinstimmend: „Und so hat sich denn im Allgemeinen gezeigt, daß dieselben Ursachen, die das Fallen der allgemeinen Profitrate hervorbringen, Gegenwirkungen hervorbringen, die diesen Fall aufhalten, verlangsamen und theilweise paralysieren. Sie heben das Gesetz nicht auf, schwächen aber seine Wirkung ab ... So wirkt das Gesetz nur als Tendenz, dessen Wirkung nur unter bestimmten Umständen und auf lange Perioden ausgedehnt schlagend hervortritt“.[22] Beide sind der Auffassung, dass die Steigerung der Mehrwertrate auf Grenzen stößt und so den durch die Erhöhung der technischen und organischen Zusammensetzung bedingten Fall der Profitrate nur verlangsamen, aber nicht aufheben könne.[23] Auch unter Beachtung des Pakets profitratensteigernder Faktoren zweifeln Marx und Engels nicht an der Existenz des Gesetzes vom Fall der allgemeinen Profitrate.

Widersprüche, Krisen, Zusammenbruch

Danach erläutert Marx die Widersprüche, die im Fall der Profitrate zum Ausdruck kommen. Engels schnürt daraus das 15. Kapitel. Er systematisiert den Text übersichtlich ohne ihn inhaltlich zu ändern. Gegen Ende des Kapitels formuliert er eine Passage flüssiger und verständlicher als Marx. Sie betrifft die Veränderungen der Anteile an vergegenständlichter und lebendiger Arbeit am Warenwert im Ergebnis von Produktivitätssteigerungen. Engels betont, dass diese Passage, „obwohl aus einer Notiz des Originalmanuskripts unredigiert, in einigen Ausführungen über das im Original vorgefundene Material hinausgeht“.[24] Er fügt ein Zahlenbeispiel hinzu, das den Zusammenhang veranschaulicht. Mit der vom Originaltext abweichenden Version, explizit kenntlich gemacht, hat Engels die Lesbarkeit des Marxschen Gedankengangs verbessert, keinesfalls aber entstellt.[25]

Heinrich vermutet, es sei nicht klar, ob dieser Marxsche Textteil „überhaupt einen eigenen inhaltlichen Abschnitt konstituieren sollte...“[26] Sicher nicht. Weshalb sonst hätte Marx dies unterlassen? Aber Marx hat generell wenig untergliedert. Dies hatte Engels schon an der 1. Auflage des ersten Bandes des Kapital von 1867 bemängelt. Er schlug eine Gliederung in Abschnitte und Kapitel mit Unterüberschriften vor[27]. Marx griff die Anregung dankbar auf und befolgte sie in der 2. Auflage. Bei der Redaktion des dritten Buches ging Engels ebenso vor und wahrte dadurch die Einheitlichkeit der Gliederungen der drei Bücher.

Heinrich bemängelt ferner Engels‘ Wahl der Kapitelüberschrift, die nicht unproblematisch sei (Entfaltung der innren Widersprüche des Gesetzes).[28] Das überrascht insofern, als die mit dem Fall der Profitrate verbundenen Widersprüche nunmehr, nachdem die Gegenfaktoren abgehandelt worden sind, ins Zentrum der Marxschen Darstellung rücken: die Widersprüche zwischen den Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und ihrer Realisierung (MEGA II/4.2, S. 312f), zwischen der Productivkraft der Gesellschaft und ihrer Consumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse (ebenda), zwischen dem Verwertungsziel und den Mittel, es zu erreichen (Akkumulation und Produktion) (MEGA II/4.2, S. 310-324), zwischen Produktion, Markt und Konsumtion (MEGA II/4.2, S. 324ff), zwischen dem gleichzeitigen Überfluss an Kapital und an Bevölkerung (MEGA II/4.2, S. 324-333), zwischen der Produktivkraftentwicklung und den im Vergleich dazu begrenzten Verwertungsverhältnissen (MEGA II/4.2, S. 340).

Marx will zeigen, dass die Entwicklung der Produktivkraft über die kapitalistische Akkumulation immer wieder in Konflikt gerät mit dem Zweck, der Verwertung des Kapitals. Er schließt daraus, dass sich Kapital selbst zur Schranke wird, eine relative Barriere, die durch Innovationen wieder überwunden werde (MEGA II/4.2, S. 324).

Engels‘ Ausgabe des dritten Buches suggeriere, dass die Krisentheorie im 15. Kapitel ihren systematischen Ort gefunden habe, meint Heinrich.[29] Diese Behauptung steht auf tönernen Füßen. Im Engelsschen Text finden sich neben der erwähnten Ausnahme nur Sätze (stilistisch verfeinert, inhaltlich nicht verändert), die Marx aufgeschrieben hatte. Liest Heinrich da nicht hinein, was er herauszulesen wünscht? In der Engelsschen Edition findet sich zur Krise keine Aussage, die nicht schon in der Marxschen Vorlage enthalten ist. Marx und Engels haben uns keine geschlossene Krisentheorie hinterlassen. Sie haben immer nur vereinzelte Aspekte aus unterschiedlicher Perspektive dazu aufgegriffen. Im 3. Kapitel des Urtextes und im 15. Kapitel des dritten Buches gehen sie insofern über ihre bisherigen Darstellungen des Problems hinaus, als sie nicht mehr nur die formalen Möglichkeiten der Krise, sondern mit den im System wurzelnden Widersprüchen die Gründe aufzeigen, die Krisen unvermeidlich machen.[30] Doch nirgendwo erweckt Engels den Eindruck, dass die Marxsche Erklärung für den tendenziellen Fall der Profitrate zugleich die fertige Krisentheorie sei, auch wenn der Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Profitrate und der Zyklizität des Produktionsprozesses unstrittig ist. Dies auch deshalb nicht, weil „ihm zumindest der notwendige Zusammenhang von Kredit und Krise, wie er Marx vorschwebte, hinreichend klar war“[31], und, was noch wichtiger ist, der Profitratenfall nicht die Ursache der Krise, sondern nur verbunden ist mit den Widersprüchen, die zu ihr führen. Ohne Zweifel sind das 15. Kapitel und dessen Vorlage ein wesentlicher Beitrag zum Krisenverständnis, indem hier elementare Widersprüche kapitalistischer Produktion als eigentlicher Grund für Krisen benannt werden. Eine ausgereifte und umfassende Krisentheorie enthalten sie aber nicht.

Heinrich wirft Engels außerdem vor, durch seine Ergänzung, dass die kapitalistische Produktion „altersschwach wird und sich damit mehr und mehr überlebt“[32], den Gedanken vom Zusammenbruch befördert zu haben und im Gegensatz zu Marx eine Schranke zu beschwören, die eine weitere Entwicklung unmöglich mache. Eine Zusammenbruchstheorie, die u.a. Henryk Grossmann herauslas[33], kann man jedoch weder mit dem Marxschen Originalmanuskript zum dritten Buch noch mit dessen Engelsscher Version begründen, obgleich beide der Auffassung sind, dass der Kapitalismus nicht von ewigem Bestand ist. Früher oder später würde er seinen inneren Widersprüchen erliegen. Marx drückt diesen Gedanken an anderer Stelle viel grundsätzlicher aus.[34] Doch weder Marx noch Engels behaupten, dass es dazu automatisch wegen des Falls der Profitrate komme. Auch Engels begreift die Krise nicht nur als einen offenen Ausbruch der Widersprüche, sondern zugleich als die Art, diese für eine gewisse Zeit zu überwinden. Die Funktion der Krise ist nicht, die finale Phase der kapitalistischen Produktionsweise einzuläuten, sondern deren Fortbestand zu ermöglichen. Ganz eindeutige Aussagen dazu auch in der Engelsschen Edition.[35]

Heinrich wirft Engels vor, den Marxschen Ausdruck „Klappen“ („Dieser Proceß würde bald die capitalistische Production zum Klappen bringen,...“, MEGA II 4.2, S. 315) durch den Begriff „Zusammenbruch“ ersetzt und damit den falschen Gedanke vom automatischen Ende verschärft akzentuiert zu haben ( MEGA II/15, S. 243). Wenn aber Menschen (Systeme o.ä.) (zusammen)klappen, ist nichts anderes gemeint, als dass sie zusammenbrechen. Außerdem belegt auch dieser Satz die Zusammenbruchsthese nicht, denn man muss ihn zu Ende lesen: „..., wenn nicht widerstrebende Tendenzen beständig wieder decentralisierend neben der centripetalen Kraft wirkten“ (gleichlautend bei Marx und Engels).[36] Diesen Satz insgesamt kann man eher als Absage statt als Bejahung des Gedankens vom Zusammenbruch lesen.

Späte Bedenken?

Enthalten die nach 1868 von Marx geschriebenen Texte Anhaltspunkte dafür, dass Engels‘ Freund den tendenziellen Falle der Profitrate plötzlich in neuem Lichte besah? Seine Arbeiten betrafen in dieser Zeit hauptsächlich das mathematische Verhältnis der Mehrwertrate zur Profitrate[37]. Marx wollte herausfinden, wodurch der Abstand zwischen Mehrwert- und Profitrate bestimmt, welche Variablen die Bewegung der Profitrate begründen und wie man den Unterschied zwischen Profitraten verschiedener Kapitale in unterschiedlichen Zweigen erklären kann.[38] Diese Fragen hatten ihn schon in den Manuskripten zum dritten Buch 1864/65 und auch in den Jahren 1867/68 umgetrieben.[39] Über die damals entdeckten Beziehungen ist Marx in seinen späteren Untersuchungen, letztmalig wahrscheinlich 1881 oder 1882,[40] nicht hinausgekommen. Auf Empfehlung von ihm hat Engels „nur das Rationelle“[41] daraus in stark gekürzter Form in das dritte Buch des Kapital übernommen.

Neues zum Gesetz des tendenziellen Falls findet sich im Marxschen Spätwerk nicht. Die Herausgeber der MEGA notieren zwar, im Hinblick auf dieses Gesetz sei erwähnenswert, „daß Marx mehrfach auch Möglichkeiten des Steigens der Profitrate festhielt, ohne jedoch die ökonomische Bedeutung dieser Fälle eingehend zu diskutieren“.[42] Diese Fälle bringt Marx aber nicht im Zusammenhang mit dem tendenziellen Fall, sondern vorher (in den beiden ersten Kapiteln). Dort weist er nach, unter welchen formallogischen Voraussetzungen die Profitrate steigt: 1) wenn die Mehrwertrate bei sinkendem und konstantem Gesamtkapital wächst.[43] Und 2), wenn „bei gegebner Rate des Mehrwerths“ das „Verhältnis des variablen Capitals zum Gesammtcapitale oder v:C“ zunimmt.[44] Mathematische Beziehungen dieser Art sagen nichts darüber aus, wie sich die Elemente c, v und m in der Realität zueinander verhalten und ändern, sondern nur, wie sie sich verhalten könnten. Deshalb schließen sich den formalen Betrachtungen darüber, unter welchen Bedingungen die Profitrate steigt, fällt oder konstant bleibt, Untersuchungen über die wirkliche Bewegung der Profitrate im dritten Kapitel an. Hier diskutiert Marx aber nur Pro und Contra des Profitratenfalls, Beweis dafür, dass er einen langfristigen Anstieg der Profitrate für ökonomisch-praktisch unbedeutend hielt. Der Verdacht der sehr verdienstvollen MEGA-Herausgeber ist daher abwegig, dass Einsichten in das formallogische Ordnungsgefüge zwischen den Größen m, v und c als Indiz gewertet werden könnten, Marx sei mit seiner Auffassung vom Fall der Profitrate noch nicht im Reinen gewesen. In der Engelsschen Version des dritten Buches werden die formalen Fälle eines Profitratenanstiegs selbstverständlich auch dargestellt, dies wie bei Marx, bevor der tendenzielle Fall begründet wird.[45] Engels Druckfassung redet dem Leser weder ein, was dieser nicht im Marx-Text findet, noch verschweigt sie wichtige Aussagen daraus.

Aus der Sicht des Profitratenfalls bestätigt sich, was Georg Fühlberth insgesamt festgestellt hat: „Engels hat Marx korrekt wiedergegeben, er hat lediglich da und dort eine innere Schlüssigkeit zwischen Textteilen hergestellt, die im Nachlass disparat herumlagen“.[46] Engels hat das Marxsche 3. Kapitel aus dem Manuskript 1864/65 über den Fall der Profitrate zwar nicht buchstabengetreu, aber völlig authentisch in das dritte Buch des Kapital übernommen. Er hat dabei eine wissenschaftliche, redaktionelle und philologische Glanzleistung im Marxschen Geiste vollbracht. Der Versuch, Marx und Engels auseinander zubringen, kann, nachdem nun die Originalmanuskripte der Öffentlichkeit vorliegen, endgültig als gescheitert betrachtet werden.[47] Die „Dogmatiker“ haben Recht behalten. Zum Kreis der Verfemten gehörend, kann man das Urteil, der Marxismus-Leninismus (der sicher nicht fehlerfrei war) habe die theoretische Hinterlassenschaft des Karl Marx „völlig deformiert“ und erst jetzt „sei die Zeit gekommen, den wirklichen Marx zu entdecken“[48], deshalb nur mit einer gewissen Heiterkeit zur Kenntnis nehmen.

Weiterhin umstritten bleibt freilich, ob es das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate gibt. Aber das ist eine andere, kompliziertere Frage.[49]

[1] Karl Marx, Das Kapital, Zweiter Band, Hamburg 1885,in. MEGA II/13, Berlin 2008, S.5.

[2] Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band, Hanburg 1894, in: MEGA II/15, Berlin 2004, S.7.

[3] Zitiert aus: Friedrich Engels, Dokumente seines Lebens, Leipzig 1977, S. 553.

[4] Vgl. u.a. die Kapitel 1, 2 und 5 des Marxschen Urmanuskripts des III. Buches, in: Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1863-1867, in: MEGA II/4.2, Berlin 1992, S. 7- 284 und S. 461 – 664.

[5] Franz Mehring: Karl Marx. Geschichte seines Lebens, Berlin 1974, S. 375/376.

[6] Karl Kautsky, Vorwort zur Volksausgabe, in: Karl Marx, Das Kapital. Zweiter Band, Berlin 1926, S. XI.

[7] Michael R. Krätke, Das Marx-Engels-Problem: Warum Engels das Marxsche „Kapital“ nicht verfälscht hat, in: Marx-Engels-Jahrbuch 2006, Berlin 2007, S.142-170.

[8] Siehe Carl-Erich Vollgraf, Jürgen Jungnickel: Marx in Marx‘ Worten, in: MEGA-Studien 1994/2, Berlin 1995, S. 3-55; Michael Heinrich, Engels‘ Edition of the Third Volume of Capital, and Marx’s Original Manuscript, in: Science and Society, Vol. 60, No 4, S. 452-466.

[9] Halbzeit der MEGA: Bilanz und Perspektiven. Manfred Neuhaus und Gerald Hubmann im Interview mit Rainer Holze, in: Z 85, März 2011, S. 97.

[10] Ebenda.

[11] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 633/634 (MEGA II 1.2, S. 622).

[12] MEGA II/4.2, S. 916.

[13] Auf die mit dem Profitratenfall verbundenen Widersprüche hatte er schon in den Grundrissen hingewiesen. Karl Marx, Grundrisse, a.a.O., S. 635/636.

[14] MEGA II/15, , S. 209-263.

[15] Carl-Erich Vollgraf, Jürgen Jungnickel, Marx in Marx‘ Worten?, a.a.O., S. 21.

[16] Wolfgang Jahn, Über Sinn und Unsinn eines Textvergleichs zwischen der Engelsschen Ausgabe des dritten Bandes des Kapital von 1894 und den Marxschen Urmanuskripten, MEGA-Studien 1996/1, S. 120.

[17] MEGA II/4.2, S. 286-300; MEGA II/15, S. 209,210, 213-223.

[18] MEGA II/15, S. 223-229.

[19] Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1863-1867, MEGA II/4.1, Berlin 1988, S. 231-300.

[20] MEGA II/15, S.224.

[21] Vgl. Michael Heinrich, Begründungsprobleme. Zur Debatte über das Marxsche „Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“, in: Marx-Engels-Jahrbuch 2006, Berlin 2007, S. 47-80; Zur Kritik dieser Auffassung vgl. Klaus Müller, Tendenzieller Fall oder Anstieg? Zur Komplexität ökonomischer Erscheinungen am Beispiel der allgemeinen Durchschnittsprofitrate, in: Marx-Engels-Jahrbuch 2009, Berlin 2010, S. 62-75

[22] MEGA II/4.2, S. 308, MEGA II/15, S. 235/236.

[23] MEGA II/4.2, S. 321/322.

[24] MEGA II/15, S. 259, Fn 37.

[25] Vgl. MEGA II/4.2, S. 334/335.

[26] Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition, 4. A., Münster 2006, S. 358.

[27] Engels an Marx, 23. August 1867, in: MEW, Bd. 31, S. 324.

[28] Michael Heinrich, Die Wissenschaft vom Wert, a.a.O., S. 358.

[29] Ebenda, S. 359.

[30] vgl. MEGA II/10, S. 106, 107; MEGA II/13, S. 460 (MEW 24: 491). In den Theorien über den Mehrwert entwickelt Marx diese Gedanken v.a. in Auseinandersetzung mit Smith, Ricardo und Say, bleibt aber nicht bei der Möglichkeit der Krisen stehen, sondern verweist auf die realen Widersprüche (zwischen Produktion und Konsumtion, Produktion und Markt) als den eigentlichen Grund für die Krise. Karl Marx, Friedrich Engels, Theorien über den Mehrwert, 1967, MEW 26.2, S. 518ff.

[31] Michael R. Krätke, a.a.O., S. 163.

[32] MEGA II/15, S. 259.

[33] Henryk Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig 1929.

[34] „Über einen gewissen Punkt hinaus wird... das Kapitalverhältnis eine Schranke für die Entwicklung der Produktivkräfte ... und als Fessel notwendig abgestreift.“ (Karl Marx, Grundrisse..., a.a.O., S. 635)

[35] MEGA II/15, S. 251, 252, 255.

[36] MEGA II/4.2, S. 315 und MEGA II/15, S. 243.

[37] Karl Marx, Friedrich Engels, Manuskripte und redaktionelle Texte zum dritten Buch des „Kapitals“ 1871-1895, in: MEGA II/14, Berlin 2003, S. 8-150.

[38] MEGA II/14, S. 128

[39] MEGA II/4.2, S.7-110; MEGA II/14, S. 386/387.

[40] ebenda, S. 695.

[41] MEGA II/4.2, S. 83.

[42] MEGA II/14, S. 389.

[43] MEGA II/14, S. 29, 44, 57, 58, 67-69, 78, 79, 83, 109, 128.

[44] MEGA II/14, S. 16, 128.

[45] MEGA II/15, S. 51-70.

[46] Georg Fühlberth, Zum Abschluss der historisch-kritischen „Kapital“-Edition – Ein philologisches Jahrhundertwerk, in: Marxistische Blätter, H. 3/2009, S.89.

[47] Vgl. dazu auch Willi Gerns, Zu einigen Aspekten der Engels-Kritik in der bürgerlichen Marx-Engels-Rezeption, in: Marxistische Blätter, H. 3/2011, S. 75-83; Werner Seppmann, Ein Logenplatz mit dem Blick in das Laboratorium marxistischen Denkens. Notizen über den Briefwechsel zwischen Marx und Engels, ebenda, H. 1/2011, S. 75-81; Holger Wendt, Logisch? Historisch? Logisch-Historisch! Anmerkungen zu einem Methodenstreit und seinen politischen Implikationen, ebenda, H. 6/2010, S. 34-43.

[48] Wolfgang Wippermann, Der Wiedergänger. Die vier Leben des Karl Marx, Wien 2008; rezensiert von Claudia Reichel und Gerald Hubmann in: Marx-Engels-Jahrbuch 2009, Berlin 2010, S. 229f.

[49] Vgl. dazu Alfred Müller, Wieso führt die kapitalistische Produktionsweise zum Profitratenfall?, in: Z 80, Dezember 2009, S. 130-140; Klaus Müller, Zur Entwicklung der Durchschnittsprofitrate, in: Marxistische Blätter, Heft3 /2011, S. 88-96.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 87, September 2011