Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 73, Mrz 2008 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/44.ausgabe-73-maerz-2008.html

Marx’ innerer Monolog

Vor 150 Jahren schrieb Karl Marx die „Grundrisse"

Ingo Stützle

Im Jahr 1857 bricht in allen damals entwickelten kapitalistischen Industrieländern die erste Weltmarktkrise aus. Das erste Mal erschüttert eine Geldkrise fast gleichzeitig die Finanzmärkte in London, New York, Hamburg und Paris (Rosenberg 1974). Karl Marx notiert in einem Brief an seinen Freund Friedrich Engels am 8. Dezember 1857: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner Ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die „Grundrisse“ im klaren habe bevor dem déluge [der Sintflut; IS]“ (MEW 29, 225). Marx erwartete mit der Krise den Ausbruch der proletarischen Revolution. Auch Engels war voller Euphorie. Einige Wochen zuvor schrieb er an Marx: „1848 sagten wir: jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam in einem eingeschränkten Sinn, diesmal aber kommt sie vollständig, jetzt geht es um den Kopf.“ (Ebd.: 212) Beide waren davon überzeugt, dass die Revolution vor der Türe stand. Engels versuchte, seine Militärstudien abzuschließen. Diese würden angesichts des anstehenden Umsturzes – womöglich noch im „Krawalljahr 1858“ (Engels) – unmittelbar „praktisch“ werden. Marx hingegen wollte vor dem ersehnten Ausbruch der Revolution noch schnell seine ökonomiekritischen Studien beenden. Zwischen Oktober 1857 und Mai 1858 – also vor 150 Jahren – entstehen die Manuskriptseiten, die Jahrzehnte später als die „Grundrisse“ bekannt werden sollten.

Geschichte der „Grundrisse“

Die so genannten „Grundrisse“ standen in der Rezeption bisher für vieles Pate: Für die einen sind sie die noch streng durch Hegel angeleitete Kritik der politischen Ökonomie. Eine Kritik und Form der Darstellung, die in Marx’ Kapital von 1867 nicht mehr zu finden sei, da er sie hier „popularisiert“ und von der Dialektik befreit habe.[1] Für die anderen sind die „Grundrisse“ der weniger ökonomistische Marx, wo er noch „Pfeffer im Arsch“ (Peter Paul Zahl) habe. Für wieder andere findet sich in den „Grundrissen“ das begriffliche Werkzeug, um die Produktionsweise des Empire und die neue Produktionsweise der immateriellen Arbeit zu verstehen. Die am wenigsten aufgeregte Interpretation deutet die „Grundrisse“ als einen wichtigen Text der theoretischen Selbstverständigung.[2]

Sicher ist eines: Die „Grundrisse“ stellen einen Meilenstein in der Kritik der politischen Ökonomie dar und waren für Marx’ wissenschaftliche Arbeit von zentraler Bedeutung. Nach einer Odyssee durch Europa flüchteten Marx und seine Familie 1849 nach London. England war damals die „klassische Stätte“ der kapitalistischen Produktionsweise – so Marx im Vorwort zum Kapital. Das schlug sich auch in der ökonomischen Literatur nieder. 1859 formuliert Marx rückblickend: „Das ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das im British Museum aufgehäuft ist, der günstige Standpunkt, den London für die Beobachtung der bürgerlichen Gesellschaft gewährt [… ] bestimmten mich, ganz von vorn wieder anzufangen und mich durch das neue Material kritisch durchzuarbeiten.“ (MEW 13, 10f.) Ein Grund warum Marx in d en 1850er Jahren vor allem eines tat: lesen und exzerpieren (vgl. MEGA² IV.7 bis MEGA² IV.11; noch nicht alle erschienen). Marx studierte nicht nur die für ihn neu zugängliche Literatur, er las auch die Texte, die er bereits im französischen Exil gelesen hatte, erneut im Original. Damit veränderte sich sein Verständnis von Ökonomie grundlegend, was sich schließlich in den „Grundrissen“ niederschlagen sollte.

Neben der theoretischen Arbeit schrieb er aber auch seit 1851 für die New-York Daily Tribune, eine US-amerikanische Zeitung, die mit einer Auflage von über 200.000 Exemplaren zu einer der bedeutendsten Tageszeitungen gehörte.[3] Neben Engels Zuwendungen waren die journalistischen Arbeiten die wesentliche Einkommensquelle. Seine Artikel wurden oft als Leitartikel veröffentlicht und Marx profiliert sich als Wirtschaftsjournalist (Krätke 2006).

Marx beschäftigt sich vor allem mit Wirtschaftskrisen, der Geld- und Finanzpolitik in Europa, dem internationalen Handel und der Kolonialpolitik. Oft beschwert er sich über das zeitraubende und langweilende „beständige Zeitungsschmieren“ (Brief an Adolph Cluß am 15.09.1853, MEW 28, 592). Trotz allem war diese Arbeit eine wichtige Form der Selbstverständigung. Marx lernt viel, nicht zuletzt von seinem Freund und Unternehmersohn Engels, den er immer wieder bittet, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären. Zudem sammelte er eine Menge an statistischem Material, das er auch bei der Ausarbeitung des Kapitals verwendet sollte.[4]

Es sind gerade diese journalistischen Arbeiten, die Marx nicht nur die aufkommende Krise erkennen ließen, sondern die ihn auch dazu veranlassten, über das Verhältnis von empirischer Wirklichkeit auf der einen Seite und begrifflicher Reproduktion in Form von Theorie auf der anderen Seite nachzudenken. Seine Ausführungen in den „Grundrissen“ zu dieser Frage sollten einschneidend sein. Nicht nur für Marx, sondern auch für die Theoriegeschichte. Marx brach mit der empiristischen Vorstellung, gesellschaftliche Wirklichkeit könne unmittelbar konstatiert werden (Heinrich 1999: 144ff.). Mit dieser Reflexion beginnt auch die Arbeit an den „Grundrissen“. Vor den „Grundrissen“ schrieb Marx zwei kürzere Texte. Zum einen eine Auseinandersetzung mit geldtheoretischen Überlegungen zweier Repräsentanten der, wie Marx es nannte, „heruntergekommenen neuesten Ökonomie“. Die geplante Buchbesprechung blieb dann jedoch aus.[5] Ein weiterer Text ging als „Einleitung zu den „Grundrissen“ in die Geschichte ein. Marx schrieb diese Ende August 1857 in ein Schulheft seiner Tochter. Am bekanntesten ist der dritte Unterabschnitt welcher mit „Methode der politischen Ökonomie“ (MEW 42, 34ff.) überschrieben ist und u.a. genau die Frage nach dem Zusammenhang von Theorie und Wirklichkeit verhandelt. Auf diese „Einleitung“ wird Marx auch nicht mehr zurückkommen.[6] Bei „näherem Nachdenken“ sei ihm klar geworden, dass „jede Vorwegnahme erst zu beweisender Resultate“, also eine allgemeine Einleitung, nur stören würde. So Marx in der 1859 veröffentlichten Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (MEW 13, 7).

Inhaltlich und vom Aufbau her verhandeln die „Grundrisse“ ungefähr den Stoff der drei Bände des „Kapital“. Marx arbeitet das Geld, seine Notwendigkeit und dessen Funktionen heraus, stellt den Übergang von Geld in Kapital und den Arbeitsprozess als Verwertungsprozess dar, bestimmt Mehrwert und Profit sowie Zins und thematisiert die Reproduktion des Kapitalverhältnisses als Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess. Trotz der thematischen Überschneidung sind jedoch weder alle Begriffe eindeutig bestimmt, noch alle Probleme der Darstellung geklärt. Weder ist der zentrale Begriff der abstrakten Arbeit entwickelt, noch ist das Problem geklärt, mit welcher Kategorie bei der Kritik der politischen Ökonomie zu beginnen ist.

Marx beginnt in den Manuskripten zu den „Grundrissen“ nicht mit der Ware bzw. bei der Analyse der Wertform mit zwei Waren, sondern mit Wert und Geld. Zudem verwendet er nicht nur ein anderes Wort für abstrakte Arbeit – nämlich allgemeine Arbeit oder Arbeit sans phrase – sondern auch konzeptionell, d.h. inhaltlich versteht Marx 1857 noch etwas ganz anderes darunter. Bis zur Erstauflage identifiziert Marx die den Wert konstituierende Arbeit mit einfacher, gleichförmiger und unqualifizierter Arbeit, die aus der zunehmenden Automatisierung der Produktion und der Zerlegung der Arbeitsschritte in der Produktion herrührt. Erst ab der Zweitauflage des Kapitals stellt er den „Springpunkt“ der politischen Ökonomie radikal heraus, den Doppelcharakter der Arbeit. Abstrakte Arbeit ist nun eine radikal gesellschaftliche Kategorie, die nichts mehr mit der konkreten Beschaffenheit oder dem Charakter der Arbeit zu tun hat, sondern alleiniges Resultat einer gesellschaftlichen Abstraktion ist, der Gleichsetzung unterschiedlicher Arbeiten auf dem Markt (Heinrich 1994).

Unter Zeitdruck – schließlich stand die Revolution vor der Tür – kritzelte Marx zwischen Oktober 1857 und Mai 1858 Manuskriptseiten der „Grundrisse“ in einer kaum leserlichen Schrift voll. Beim Verfassen zog er seine älteren Arbeiten ebenso heran wie seine jahrelang verfassten Exzerpte und Zitatensammlungen zu den verschiedensten Themen der Ökonomietheorie und -geschichte. Auch für seine weitere Arbeit sollten die „Grundrisse“ wichtig bleiben. So in den darauf folgenden Manuskripten und bei der schließlich veröffentlichten Arbeit „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859, die in Inhalt und Form eng an die Struktur des Rohentwurfs angelehnt ist.

Der redaktionelle Titel „Grundrisse“ entstand, als das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU Ende der 1930er Jahre erstmals die „Grundrisse“ als Buch im Rahmen der ersten, auf 41 Bände geplanten, Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) herausgeben wollte. Sie übernahmen damit die Bezeichnung aus dem bereits zitierten Brief vom Dezember 1857. In einem anderen Brief bezeichnet Marx die Manuskripte als „Rohentwurf“ (Brief an Engels vom 29.11.1858; MEW 29, 372). Die MEGA-Edition stellt allerdings alles andere als eine wissenschaftliche Sternstunde dar. Der Leiter des Marx-Engels-Institut und Mitbegründer der historisch-kritischen Ausgabe David Rjazanov fiel Anfang der 1930er Jahre dem Stalinismus zum Opfer und wurde 1938 ermordet. Er war nicht nur gegen die Umbenennung des Instituts in Marx-Engels-Lenin-Institut, er wollte Lenin nicht auf die Stufe von Marx stellen, sondern wehrte sich zudem gegen die durch den Stalinismus vorangetriebene Verfälschung und Dogmatisierung der marxschen Schriften, sowie gegen den Persönlichkeitskult. Nach der Absetzung und Ermordung Rjazanovs wurde die Arbeit an der MEGA eingestellt. Der noch nach Regeln der MEGA bearbeitete Text wurde erst 1939 und 1941 in zwei Teilen ohne Verweis auf die MEGA in einer Auflage von 3140 Exemplaren veröffentlicht.[7]

Die Rezeption der „Grundrisse“ setzte erst mit deren Veröffentlichung ein,. also ab den 1940er Jahren. 1953 erschien ein fotomechanischer Nachdruck, der von den Ungenauigkeiten und Entzifferungsfehlern der MEGA-Ausgabe nicht bereinigt wurde. Bis zu diesem Nachdruck gab es außerhalb der Sowjetunion keine fünf Exemplare der im Rahmen der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe erschienenen Version. Eine russische Übersetzung erschien erst 1968; eine englische 1973. Eine tatsächlich historisch-kritische Version erschien 1976 im Rahmen der zweiten MEGA (MEGA²).

Rezeption und Lesarten

Grundlegend war Rosdolskys Arbeit „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen ‘Kapital’. Der Rohentwurf des Kapitals 1857-1858“ aus dem Jahre 1967. Rosdolsky begann bereits 1948 die Bedeutung der „Grundrisse“ zu erkennen. Auch andere, wie Karl Korsch, interessierten sich für die Mauskripte, veröffentlichten jedoch nichts. Erst gegen Ende der 1960er Jahre kamen einige wichtige Arbeiten heraus, die die „Grundrisse“ aus der Perspektive des marxschen Kapital interpretierten. Neben vielen wissenschaftlich wenig originellen Beiträgen, wurde zum einen versucht, in den Grundrissen den Schlüssel für den dialektischen Aufbau des Kapitals zu finden. Auch für Rosdolsky war die zentrale Frage die nach Marx’ Beziehung zu Hegel. Das konnte er aber in seinem dreibändigen Werk nicht weitergehend untersuchen. Für Rosdolsky standen neben einer ausführlichen Kommentierung des marxschen Werks vor allem Marx’ Planänderungen, d.h. die inhaltliche Gliederung seiner Kritik der politischen Ökonomie und die Kritik an dem französischen Sozialisten Proudhon, im Mittelpunkt.

Die Kritik an Proudhon hat bei Marx eine längere Tradition. Bereits 1847 polemisierte Marx in „Das Elend der Philosophie“ gegen Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“. Die wesentliche Kritik in dieser frühen Schrift ist, dass ökonomische Kategorien nichts Überhistorisches seien, sie seien vielmehr Abstraktionen gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich mit diesen verändern und deshalb auch vergehen würden. Kapital und Geld im modernen, d.h. kapitalistischen Sinne, gebe es nicht schon immer und würde es auch im Sozialismus nicht mehr geben. In den „Grundrissen“ hingegen kritisierte Marx vor allem die Vorstellung eines Arbeitsgeldes, welches nach Proudhon das Geld ersetze sollte. Die Vorstellung, die gesellschaftlichen Verhältnisse allein über eine Geldreform bzw. die Abschaffung des Geldes zu verändern, hätte nicht verstanden, wie die Art und Weise der Produktion, die kapitalistische Warenproduktion, das Geld notwendigerweise voraussetze. Wolle man der zerstörerischen Kraft des Geldes ein Ende bereiten, müsse man an der Ursache ansetzen, der kapitalistischen Produktionsweise selbst.

Rosdolskys Diskussion des Aufbauplans ist eng mit methodischen Fragen verknüpft, d.h. was im Rahmen der Kritik der politischen Ökonomie abgehandelt werden kann und was nicht. Und vor allem in welcher Reihenfolge die ökonomischen Kategorien verhandelt werden sollen. Diese Frage ist insofern nicht irrelevant, als für Marx die Reihenfolge in der Darstellung auch eine theoretische Aussage über gesellschaftliche Zusammenhänge beinhaltet.[8] Das hat vor allem während der Marx-Renaissance im Anschluss an die Studentenrevolten 1968 zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Da Marx in seinen Plänen zwar vor hatte, die Klassen, den Staat und den Weltmarkt zu verhandeln, dazu aber nicht im Entferntesten kam, sahen sich die frischgebackenen Marxisten als die wahren Erben des marxschen Projekts und hoben an, dieses weiter voranzutreiben. Den Staat in der Form unpersönlicher Herrschaft zu begründen war ebenso ein Feld der Auseinandersetzungen wie die Grenzen und Möglichkeiten staatlicher Wirtschaftpolitik. Diese Fragen waren alles andere als ein akademischer Streit im Elfenbeinturm. Schließlich stellte sich für die jungen Revolutionäre unmittelbar die Frage nach der politischen Relevanz des Staates. Trotz des heftig und auch sektiererisch geführten Streits stellte Roman Rosdolsky lange den Interpretationskanon dar – über alle tiefen theoretischen Konflikte hinweg.[9]

Die Sicht der Operaisten

Ein weiteres Feld der Rezeption eröffnete die operaistische Lesart der Kritik der politischen Ökonomie.[10] Vor dem Hintergrund eines sehr orthodoxen und deterministischen Marx-Verständnisses innerhalb der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) entwickelte die parteiinterne Opposition um Mario Tronti und Raniero Panzieri eine eigene Lesart des marxschen Werks. Das Kapital wurde verstärkt als gesellschaftliches Verhältnis interpretiert, das keiner eigenen Logik folgend auf einen historischen Endpunkt zusteuerte, sondern als Dynamik, die verschiedene Klassenkräfte einschloss. Hierbei boten die „Grundrisse“ viel Interpretationsstoff. Der Operaist Enzo Grillo übersetzte um 1970 die „Grundrisse“ ins Italienische. Vor allem Tronti bediente sich für seine politische Intervention bei den „Grundrissen“. Die Dynamik des Kapitals gehe vom „Angriffsdruck der Klassenbewegung“ aus heißt es in seiner Schrift „Marx, Arbeitskraft, Arbeiterklasse“ (1965). Die Arbeitskraft sei Angriffskraft und dieses Moment sei der „politische Übergang von der Arbeitskraft zur Arbeiterklasse“. Diesen Gedanken würde Marx am bewusstesten in den „Grundrissen“ ausführen. „Weder zu einer eisernen logischen Gliederung der Argumente gezwungen noch zu besonderer sprachlichen Sorgfalt bei ihrer Darstellung, in einer ganz ihm gehörenden Phase der Arbeit, die weit von dem Gedanken an eine Veröffentlichung entfernt war, dringt er hier ungehindert in seinen grundlegenden Entdeckungen vor und stößt somit auf immer mehr neue Dinge, die später in den vollendeten Werken nicht mehr auftauchen […]. Die Folge ist, dass die „Grundrisse“ – dieser innere Monolog, den Marx mit seiner eigenen Zeit und mit sich selbst führt – politisch fortschrittlicher ist [… ], ein Text, der unmittelbarer, über unerwartete praktische Seiten zu politischen Schlüssen neue Typs führt.“ (Tronti 1965: 154)

Tronti griff in seiner Interpretation die von Marx eingeführten Begriffe auf und wendete sie ins Politische. „Subjektive Arbeit als Gegensatz zur vergegenständlichten Arbeit, lebendige Arbeit als Gegensatz zur toten Arbeit, das ist die Arbeit als Gegensatz zum Kapital: die Arbeit als das Nicht-Kapital.“ (Ebd.: 155f.) Die Existenz der Arbeit als Nicht-Kapital zwinge das Kapital immer wieder von neuem, die Arbeit und damit die Arbeiterklasse dem Kapitalverhältnis und damit der Ausbeutung unterzuordnen. Dies könne jedoch nie ganz gelingen und deshalb flamme die Revolte gegen das Kapital immer wieder auf – nicht das Kapital sei der Grund des dynamischen Charakters des Kapitalismus, sondern die Arbeit, die das Kapitalverhältnis vor sich hertreibe.

Auch Antonio Negri entdeckte für sich bereits vor seinem Exil in Frankreich die „Grundrisse“. Entgegen scheinbar ehernen kapitalistischen Gesetzen machte er den Begriff der Tendenz stark, in welchen sich die gesellschaftlichen Widersprüche eine Bewegungsform geben würden. Eine ausführliche Auseinandersetzung begann 1978. Louis Althusser hatte ihn nach Frankreich eingeladen, an der Universität eine Vorlesung zu Marx’ „Grundrissen“ zu halten. 1979 wurden die Vorlesungen veröffentlicht. In Italien landete das Buch in der Bestseller-Liste. Althusser hatte selbst bereits 1968, also 15 Jahre zuvor, eine einschneidende Interpretation der Einleitung bzw. des Methodenkapitels der „Grundrisse“ in „Das Kapital lesen“ vorgelegt.[11]

Ausgehend von Marx Planentwurf und den Änderungen, so wie sie bereits Rosdolsky diskutiert, auf den sich Negri kritisch bezieht, diskutiert Negri die zentralen ökonomischen Kategorien vor allem unter krisentheoretischen Gesichtspunkten und der Frage nach gesellschaftlichen Widersprüchen. Am einflussreichsten war die fünfte Vorlesung, die im Wesentlichen die Grundlage für Negris Konzeption der immateriellen Arbeit legte. Hier diskutiert er die politische Dimension des Lohns und das so genannte Maschinenfragment, die Manuskriptseiten, auf denen Marx die zunehmende Automatisierung der Produktion diskutiert. Im Anschluss an das, was bereits Tronti an der Arbeitskraft hervorhob, versuchte Negri, wohl schon unter Einfluss von Felix Guattari und Gilles Deleuze (1972), die Autonomie des Bedürfnisses, die proletarische Selbstverwertung als Machtanspruch zu interpretieren.[12] Auf dieser Grundlage lotete er einen Ansatz für eine umfassendere Subjekttheorie aus. Der Lohn sei eine unabhängige Variable gegenüber dem Kapital und diesem nie völlig untergeordnet. Auch ein weiter Grundstein für seine spätere Theorie des Empire bzw. dessen Produktionsweise wurde bereits in seiner Interpretation der „Grundrisse“ gelegt. Mit der zunehmend umfassenden Automatisierung der Produktion sowie der Subsumtion der Gesellschaft unter das Kapital, also der sich ausweitenden Inwertsetzung gesellschaftlicher Bereiche, würde die Arbeit umfassend vergesellschaftet. Ohne dass in den Vorlesungen bereits der Begriff des „general intellect“ auftauchen würde, verhandelt Negri also bereits das, was er später als die dominante Produktionsweise des Empire bezeichnen wird.[13]

Ein Text der Selbstverständigung

Sowohl die von Hegel inspirierten Interpretationen als auch der größte Hegel-Jäger – Louis Althusser – hatten ihre intellektuelle Freude an den „Grundrissen“. Sind sie also mehr als nur eine Projektionsfläche? Marx’ „Grundrisse“ sind vor allem ein Text der Selbstverständigung, ein Text, der nie für die Veröffentlichung gedacht war. Bis zur Veröffentlichung des ersten Bandes des Kapitals sollten weitere zehn Jahre vergehen. Für die Zweitauflage 1873 überarbeite Marx das Kapital ein weiteres Mal grundlegend. Zu glauben, dass sich bei Marx in 26 Jahren, also zwischen der Verfassung der „Grundrisse“ 1857 und seinem Tod 1883, weder konzeptionell noch in seinem Selbstverständnis etwas bewegte, nimmt wohl kaum seine wissenschaftliche Arbeit ernst. Alle Vorstellungen, in den „Grundrissen“ einfach einen Schlüssel für das Kapital finden zu wollen oder den wahren Marx, d.h. den streng mit Hegel arbeitenden Marx, läuft ins Leere und verliert die eigentlichen Probleme aus dem Blickfeld.[14]

Sicherlich helfen die „Grundrisse“ beim Verständnis der Kritik der politischen Ökonomie. Aber wohl erst dann, wenn vom Standpunkt des Kapitals die Probleme und Fragen deutlich werden, mit denen sich Marx bis zum Ende seines Lebens herumgeschlagen hat. Nicht ohne Grund widmet sich Marx in einer der letzten Selbstkommentierungen, den Randglossen zu Wagner (1880), wieder den grundlegendsten Kategorien wie Ware, Wert und Gebrauchswert. Auch findet man in den „Grundrissen“ viele Ausführungen, zu denen Marx im Kapital gar nicht mehr kam (u.a. Außenhandel und öffentliche Güter). Gleichzeitig fand sicherlich auch kein einfacher Erkenntnisfortschritt statt. Einiges hat Marx im Laufe der Auflagen des Kapitals verschlimmbessert.[15] Wohl auch deshalb, weil er den schwerverständlichen Stoff didaktischer aufbereiten wollte.

Zu vergessen ist ebenso wenig, dass nicht nur die „Grundrisse“ bis zu Marx Tod unveröffentlicht blieben, sondern auch die Bände zwei und drei des Kapital. Marx hinterließ also vor allem eine imposante Baustelle, an der weiterzuarbeiten ist. Ohne eigene intellektuelle Anstrengung ist das nicht zu leisten. Aber bereits im Vorwort zum Kapital heißt es schließlich: „Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.“

Literatur

Althusser, Louis/Balibar, Etienne (1968): Das Kapital lesen, 2 Bde., Reinbek bei Hamburg 1972

Deleuze, Gilles/Guattari, Fèlix (1972): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt/M 1977

Guibert, Bernard (2006): „Die Eule der Minerva fliegt in der Dämmerung“ – Eine symptomale Lektüre der ‘symptomalen Kapital-Lektüre’ in Frankreich, in: Hoff, Jan/ Petrioli, Alexis, et al. (Hg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie, Münster, 72-101.

Haug, Wolfgang Fritz (2001): general intellect, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus (HKWM), Bd. 5, Hamburg, 230-242.

Hecker, Rolf (2001): Fortsetzung und Ende der ersten MEGA zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus (1931-1941), in: Vollgraf, Carl-Erich/Sperl, Richard, et al. (Hg.): Stalinismus und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (1931-1941) (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Sonderband 3), Hamburg, 181-269.

Heinrich, Michael (1994): Abstrakte Arbeit, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus (HKWM), Bd. 1, Hamburg, 56-64.

Heinrich, Michael (1999): Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition (überarbeitete und erweiterte Neuauflage), Münster

Heinrich, Michael (2002): Der 6-Bücher-Plan und der Aufbau des Kapital. Diskontinuierliches in Marx’ theoretischer Entwicklung, in: Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition e.V. (Hg.): In Memoriam Wolfgang Jahn (Wissenschaftliche Mitteilungen, Heft 1), Hamburg, 92-101.

Hoff, Jan (2004): Kritik der klassischen politischen Ökonomie. Zur Rezeption der werttheoretischen Ansätze ökonomischer Klassiker durch Karl Marx, Köln

Hoff, Jan/Petrioli, Alexis/Stützle, Ingo/Wolf, Frieder Otto (2006): Einleitung, in: dies. (Hg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie, Münster, 10-51.

Jahn, Wolfgang (1986): Zur Entwicklung der Struktur des geplanten ökonomischen Hauptwerkes von Karl Marx, in: Arbeitsblätter zur Marx-Engels Forschung, H.20, 6–44.

Jahn, Wolfgang (1992): Ist Das Kapital ein Torso? Über Sinn und Unsinn einer Rekonstruktion des ‘6-Bücherplans’ von Karl Marx, in: DIALEKTIK, H. 3, 127–138.

Jánoska, Judith/Bondeli, Martin/Kindle, Konrad/Hofer, Marc (1994): Das ‘Methodenkapitel’ von Karl Marx. Ein historischer und systematischer Kommentar, Basel

Jungnickel, Jürgen (1993): Keine „Recepte ... für die Garküche der Zukunft“. Aspekte der Marxschen Auffassung über die künftige Gesellschaft in den ‚Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie’, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, 4. Jg., H. 16, 119-133.

Kostede, Norbert (1976): Die neuere marxistische Diskussion über den bürgerlichen Staat. Einführung – Kritik – Resultate, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, H.8/9, 150-198.

Krätke, Michael R. (1996): Marxismus als Sozialwissenschaft, in: Haug, Frigg/Krätke, Michael (Hg.): Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus. Materialien zum Historisch-Kritischen Wö rterbuch des Marxismus, Hamburg, 69-122.

Krätke, Michael R. (2006): Marx als Wirtschaftsjournalist, in: Hecker, Rolf/ Vollgraf, Carl-Erich, et al. (Hg.): Die Journalisten Marx und Engels. Das Beispiel Neue Rheinische Zeitung (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 2005), Hamburg, 29-97.

Marxhausen, Thomas (2006): „MEGA –MEGA“ und kein Ende, in: UTOPIE kreativ, H. 189/190, 596-617.

Müller, Manfred (1978): Auf dem Wege zum „Kapital“. Zur Entwicklung des Kapitalbegriffs von Marx in den Jahren 1857-1863, Berlin

Negri, Antonio (1979): Marx beyond Marx. Lessons on the „Grundrisse“, New York-London 1991

Negri, Antonio (1989): The Politics of Subversion. A Manifesto for the Twenty-First Century, Cambridge, UK 2005

Rosdolsky, Roman (1968): Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital. Der Rohentwurf des Kapitals 1857-1958. Band III, Frankfurt/M.-Köln 1974

Rosenberg, Hans (1974): Die Weltwirtschaftskrise 1857-1859, Göttingen

Schrader, Fred E. (1980): Restauration und Revolution. Die Vorarbeiten zum „Kapital“ von Karl Marx in seinen Studienheften 1850-1858, Hildesheim

Tronti, Mario (1965): Marx, Arbeitskraft, Arbeiterklasse – Erste Thesen (TheKla 9), Berlin 1987

Wright, Steve (2002): Den Himmel stürmen. Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin – Hamburg, 2005

[1] Die These der Popularisierung geht auf Marx selbst zurück. Bereits zur Erstauflage schreibt er, dass er die „Analyse der Wertsubstanz und der Wertgröße […] möglichst popularisiert“ habe (MEW 23, 11; MEGA² II.5, 11). Zur Diskussion vgl. Hoff (2004: 21ff.).

[2] Jungnickel (1993) diskutiert die „Grundrisse“ vor dem Hintergrund der marxschen Vorstellung einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft.

[3] Die Londoner Times hatte damals eine Auflage von ca. 40.000 Exemplaren!

[4] Eben diese akribische Arbeit machte seine Theorie zu einer Form kritischer Sozialwissenschaft (Krätke 1996).

[5] Besonders ausfällig wird Marx in den Theorien über der Mehrwert (vgl. MEW 26.3, 492).

[6] Diese kaum 50 MEW-Druckseiten der Einleitung sind neben den über 750 Seiten des Hauptteils des später gedruckten Buches fast nichts – und dennoch wegweisend. Zum Methodenkapitel der Einleitung vgl. Jánoska et al. 1994.

[7] Zur Geschichte der MEGA vgl. Marxhausen (2006) sowie zum Ende der MEGA und der Edition der „Grundrisse“ Hecker (2001).

[8] Für die Entstehung des Kapital war der 6-Bücher-Plan für Marx weder der Weisheit letzter Schluss, noch sollte dieser zum unkritischen Maßstab genommen werden. Zur Diskussion um den 6-Bücher-Plan siehe Jahn (1986; 1992) und Heinrich (2002).

[9] Einen kurzen Überblick über diese so genannte Staatsableitungsdebatte bietet Kostede (1976).

[10] Zur Theoriegeschichte des Operaismus vgl. Wright (2002).

[11] Siehe zu dieser Lesart Hoff et al. (2006: 14ff.). sowie Guibert (2006).

[12] Negri selbst meint zu dieser Zeit noch nicht unter dem Einfluss des Post-Strukturalismus gestanden zu haben. Politics of Subversion, geschrieben 1985/86, „was still very much in the tradition of Italian workism, and Foucault’s and Deleuze’s influence was still absent. The concept of the socialized worker, the globalization of the economy and the subsequent capitalist contradictions did not yet need Foucault and Deleuze for its formulation. It was simply based on the tendential expansion of Marxian research into the ‘world market’. If anything, it could be argued that during that period Foucault and Deleuze needed Italian workism to create the mille plateux for the production of subjectivity. Here we have the development of a shared theoretical framework (shared by the Italians and the French), and it was later taken up creatively by many sociologist, political scientist and philosophers.“ (Negri 1989: xii)

[13] Der sagenumwobene Begriff „general intellect“ taucht in den „Grundrissen“ genau einmal auf. (MEW 42, 602). Ohne besonderen theoretischen Status vgl. hierzu Haug (2001).

[14] Wie Marx auf Grund von theoretischen Problemen immer wieder konzeptionelle und theoretische Veränderungen vornahm zeigen viele Arbeiten. Vgl. Schrader (1980), Müller (1978), Heinrich (1999: 179ff.).

[15] Dazu gehört z.B., dass er die Geldform in die Analyse der Wertform hineingezogen hat, anstatt sie, wie in der Erstauflage, erst im Austauschprozess einzuführen.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 73, Mrz 2008