Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 55, September 2003 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/62.ausgabe-55-september-2003.html

Erinnerungen an das chilenische Experiment 1970-73

Winfried Roth

„Auf der Straße hielten uns Soldaten fest. Ein Sergeant, der mich kannte, sagte zu mir ‚Sie suchen wir – es tut mir leid, aber Sie müssen mitkommen.’ Dabei hielt er seine Waffe auf mich gerichtet. Sie haben mir die Hände gefesselt, ich musste auf einen Lastwagen voller Soldaten steigen. Sie haben mich geschlagen, getreten. Der Soldat, der mir eine Maschinenpistole in den Rücken drückte, war noch ganz jung. Die Maschinenpistole war schwer. Und dieser Junge zitterte die ganze Zeit, so aufgeregt war er, der Lauf der Waffe kam nie zur Ruhe. Ich hatte Angst, dass er aus bloßer Nervosität, aus Versehen, abdrücken könnte.“ (Aus den Erinnerungen von Orlando Mardones)

Am 4. September 1970 gewann der Sozialist Salvador Allende die Präsidentschaftswahlen in Chile, am 3. November übergab ihm sein Vorgänger, der Christdemokrat Eduardo Frei, die Amtsgeschäfte. Es war einer der wenigen Fälle in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, wo eine weit links orientierte Regierung nicht durch einen gewaltsamen Umsturz, sondern durch freie Wahlen an die Macht gelangte. Am 11. September 1973 wurde Allende durch einen blutigen Militärputsch gestürzt.

Die Autoren der vier, lange nach dem Putsch geschriebenen, Bücher*, die hier anlässlich seines 30. Jahrestags vorgestellt werden sollen, waren Akteure dieser Ereignisse:

– Osvaldo Puccio, einer der engsten politischen Mitarbeiter des Präsidenten;

– Carlos Altamirano, Generalsekretär der Sozialistischen Partei und die Journalistin Patricia Politzer;

– von Nathaniel Davis, Botschafter der USA in Santiago 1972/73;

– und Orlando Mardones, der das Experiment des „demokratischen Wegs zum Sozialismus“ als junger Arbeiter bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft erlebte.

Chile gehörte schon seit dem 19. Jahrhundert zu den wirtschaftlich relativ entwickelten Ländern der Dritten Welt. Neben einem dynamischen, „aufgeklärten“ Bürgertum formierte sich eine für lateinamerikanische Verhältnisse große und gut organisierte Industriearbeiterschaft. Es gab eine lebendige demokratische Tradition, das Militär griff nur wenige Male in die Politik ein. Das schloss Phasen der „zivilen“ Diktatur und blutige Repression nicht aus. Der Staatspräsident – direkt vom Volk gewählt – ernannte die Regierung und war relativ unabhängig vom Parlament.

Seit den zwanziger Jahren gewann die Linke an Einfluss. Der erste Wahlsieg einer Mitte-Links-Koalition, die von den Radikalliberalen bis zu den Kommunisten reichte, folgte 1938. In der Ära des Kalten Kriegs kam es auch in Chile zu einem deutlichen Rechtsruck.

In den fünfziger und sechziger Jahren erlebte das Land – unter massiver Beteiligung ausländischen, vor allem US-amerikanischen Kapitals – eine beschleunigte Industrialisierung. Gleichzeitig flammten die sozialen Konflikte neu auf. Bei den Präsidentschaftswahlen 1958 lag der Konservative Jorge Alessandri nur um wenige zehntausend Stimmen vor Allende, den die Sozialistische und die Kommunistische Partei aufgestellt hatten.

„Das Haus, in dem wir wohnten, war sehr einfach. Der Mann, von dem meine Großmutter es gemietet hatte, hatte es selbst gebaut. Die Leute haben sich Balken und Bretter aus dem Abfall der Sägewerke zusammengesucht und sich ihre Häuser daraus gezimmert. Unseres bestand aus zwei Räumen, die Küche war in einem kleinen Anbau. Tapeten hatten wir nicht. An den Wänden hingen alte Zementsäcke – große Papierbahnen –, um sie gegen den Wind abzudichten. Das Wasser musste ich vom Bach holen. Es gab auch keinen elektrischen Strom. Abends brannten bei uns Kerzen oder Petroleumlampen, überall lag Ruß.

Ich war dabei, als das jüngste Kind meiner Stiefmutter starb, an Unterernährung. Sie hieß Rebeca, sie war erst drei oder vier Monate alt. Mein Vater zimmerte aus einer Kiste einen kleinen Sarg und strich ihn weiß an. Dann legte er seine Tochter hinein, nahm die Kiste unter den Arm und ging fort. Zum nächsten Dorf mit einem Friedhof waren es vielleicht zwanzig Kilometer. Meine Stiefmutter wollte mitkommen, aber mein Vater ließ sie nicht.“ (Aus „Mensch, du lebst noch ?“ von Orlando Mardones.)

Ausdruck der Krise der konservativen Politik war der Aufstieg der erst 1957 gegründeten Christlich-Demokratischen Partei Chiles. 1964 siegte Eduardo Frei mit unerwartet deutlichem Vorsprung vor Allende und dem Kandidaten der Rechten.

Er versprach einen „dritten Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus, die Aufteilung des Großgrundbesitzes und eine rasche Verbesserung der Lebensbedingungen der ärmeren Bevölkerungsschichten.

Dieses Reformprojekt scheiterte jedoch. Am Ende von Freis Regierungszeit hatte sich an der Arbeitslosigkeit, der Inflation und der miserablen Situation der Landarbeiter oder der Slumbevölkerung nicht viel geändert. Die Agrarreform – drei Viertel des Bodens gehörten wenigen tausend Großgrundbesitzern – blieb in ihren Anfängen stecken. Streiks und Landbesetzungen häuften sich. Die linke Strömung der Christdemokraten löste sich desillusioniert von der Partei. Zugleich radikalisierte sich die Sozialistische Partei, sie schloss einen gewaltsamen Weg zum Sozialismus nicht mehr aus.

Bei den Parlamentswahlen 1969 verlor die Partei Freis Stimmen an die Linke. Es wurde immer wahrscheinlicher, dass der nächste Präsident Allende heißen würde. Die extreme Rechte reagierte im Oktober 1969 auf diese Entwicklung mit dem Putschversuch einiger Armeeeinheiten, dem ersten seit Jahrzehnten.

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Das Buch „Ein Vierteljahrhundert mit Allende“ von Osvaldo Puccio handelt vor allem vom langsamen Aufstieg der Linken seit Mitte der fünfziger Jahre. Besonders eindrucksvoll sind die Passagen über die Krisen- und zugleich Auf­bruchsstimmung in den letzten Jahren der Regierung Frei und über die unruhige Phase des Machtübergangs nach dem 4. September 1970.

Puccio berichtet von den oft schroffen Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialistischen Partei, von Verhandlungen mit Politikern der Christdemokraten, von Begegnungen mit einflussreichen Unternehmern, Journalisten und Offizieren. Als Leiter des Büros von Allende wurde er auch immer wieder mit den bedrückenden Lebensbedingungen der unteren Klassen konfrontiert.

Bei den Präsidentschaftswahlen am 4. September 1970 erhielt Allende mit 36 Prozent nur die relative Mehrheit der Stimmen. Auf Jorge Alessandri von der konservativen Nationalen Partei entfielen 35, auf Radomiro Tomic von den Christlichen Demokraten 28 Prozent.

Ein neues Warnsignal der extremen Rechten war die Ermordung des Oberkommandierenden der Armee, General René Schneider. Er hatte – was offenbar nicht selbstverständlich war – die Loyalität des Militärs zu jedem demokratisch bestimmten Präsidenten versichert. Zwei Tage nach dem Anschlag, am 24. Oktober, wählten im Parlament – bei dem die Entscheidung zwischen Allende und Alessandri lag – die Abgeordneten der Linksparteien und der Christdemokraten den sozialistischen Kandidaten.

Salvador Allende war 65 Jahre alt. Er war großbürgerlicher Herkunft, ursprünglich Arzt. In der Linksregierung von 1938 war er Gesundheitsminister gewesen. Er gehörte seit langem zu den populärsten Politikern des Landes. In der Sozialistischen Partei zählte er zur gemäßigten Minderheit.

Der neue Präsident stützte sich auf eine Koalition von sechs Parteien, die „Unidad Popular“, die „Volkseinheit“. Neben den Sozialisten waren am stärksten die Kommunisten und die linksliberale Radikale Partei. In einer Art kritischer Solidarität zur Regierung stand die kleine, aber vor allem an den Universitäten und in den Slums einflussreiche „Bewegung der Revolutionären Linken“, MIR. Sie trug die Verantwortung für zahlreiche „militante“ Aktionen, von Landbesetzungen bis zu Banküberfällen. Unterstützt wurde das Projekt eines „demokratischen, pluralistischen und freiheitlichen“ Sozialismus, den Allende zum Ziel hatte, auch von den meisten Gewerkschaften.

Dazu schreibt Orlando Mardones: „In unserem Betrieb waren die Kommunisten die stärkste politische Kraft, stärker als Sozialisten und Christdemokraten. Sie gehörten meist zu den Facharbeitern. Sie wurden wegen ihrer persönlichen Integrität respektiert, selbst Ingenieure oder Manager erkannten an, dass es verantwortungsbewusste Leute waren. Für mich waren sie diejenigen, die am aufrichtigsten und entschlossensten gegen Armut und soziale Ungleichheit kämpften.“

Von Anfang an bestand das Risiko von Konflikten zwischen der Präsidialregierung und der Mitte-Rechts-Mehrheit im Parlament. Zentrale Ziele des Regierungsprogramms waren nur mit Unterstützung der christdemokratischen Abgeordneten durchzusetzen. Zunächst schien es, als werde die Partei von Frei und Tomic Allende tolerieren. 1969/70, als Frei über keine Mehrheit mehr im Parlament verfügte, hatten die Fraktionen der Linken wiederholt für ihn gestimmt. Die Distanz der Christdemokraten zur Nationalen Partei war 1970 deutlich größer als zur Unidad Popular.

In den ersten anderthalb Jahren, bis Anfang 1972, hatte die Regierung zahlreiche Erfolge vorzuweisen. Die Lebensverhältnisse großer Teile der chilenischen Bevölkerung verbesserten sich spürbar. Die Mindestlöhne wurden drastisch heraufgesetzt, der Anteil der Gewinne am Volkseinkommen sank von 46 auf 34 Prozent. Preiskontrollen sollten diese Umverteilungspolitik absichern. Die höhere Kaufkraft der Industrie- und Landarbeiter und der einfachen Angestellten löste – zusammen mit massiven staatlichen Investitionen – einen imposanten Wachstumsschub aus. Arbeitslosigkeit und Inflation sanken jeweils um etwa die Hälfte – auf 4 bzw. 17 Prozent.

Eine Kampagne gegen das Analphabetentum begann. Der Wohnungsbau für die Slumbevölkerung – allein in der Hauptstadt Santiago lebten mehrere hunderttausend Menschen in Elendsvierteln – wurde energisch ausgeweitet. Erstmals bezog die Sozialversicherung die Beschäftigten der vielen Kleinunternehmen ein. Symbol des Fortschritts – angesichts der verbreiteten Unterernährung – war die kostenlose Verteilung eines halben Liters Milch täglich an alle Kinder. Die Agrarreform kam wesentlich rascher voran als zu Zeiten Freis. Zehntausende von Landarbeiterfamilien erhielten zum ersten Mal eigenen Grund und Boden.

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Das Buch „Mensch, du lebst noch ?“ von Orlando Mardones – zu dem Antonio Skármeta das Vorwort verfasste – ist die faszinierende, bewegende Autobiografie eines Arbeiters in den Jahren 1946 bis 1978.

Mardones erzählt in einer einfachen, markanten Sprache, die oft literarische Qualität besitzt, von seiner Kindheit im Süden Chiles, am schlammigen, regentriefenden Ende der Welt – er wächst auf in krasser Armut und katastrophalen familiären Verhältnissen, er erlebt die archaische Welt des Kampfs aller gegen alle. Dann handelt diese exemplarische Geschichte von seinem Aufstieg in die Arbeiterklasse. Er fand eine Stelle bei der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft – unter selbstbewussten, solidarischen Arbeitern und Technikern, die sich als Avantgarde des Fortschritts begriffen. Mardones heroisiert sich und andere nicht – so spricht er ironisch, selbstkritisch über seinen halb lässigen, halb brutalen machismo.

In der Zeit der Allende-Regierung lebte er in der Stadt Talca in Zentralchile, er engagierte sich in der Gewerkschaft und in der Kommunistischen Partei. Er berichtet von höheren Einkommen und neuen Mitbestimmungsmöglichkeiten, aber auch von unrealistischen Forderungen der Arbeiter – und von den Boykottaktionen der Transportunternehmer und Einzelhändler.

Nach dem Putsch wurde Mardones verhaftet, gefoltert und drei Jahre in einem Lager festgehalten. Nach seiner Freilassung fand er keine reguläre Arbeit mehr und schlug sich in den Slums von Santiago mit Gelegenheitsarbeiten durch. Mit Unterstützung von Amnesty International konnte er in die Bundesrepublik kommen.

Zentralen Stellenwert für die Unidad Popular hatte die Verstaatlichung der Großindustrie und des Bankensystems. Nur so – hieß es in ihrem Wahlprogramm – sei eine Entwicklung der Wirtschaft im Interesse der Bevölkerungsmehrheit möglich. Betroffen waren auch viele ausländische, vor allem US-amerikanische Firmen.

Zu Anfang unterstützten die Christdemokraten häufig die Politik Allendes. Für die Nationalisierung des Kupferbergbaus – die Wirtschaft des Landes war entscheidend abhängig vom Export dieses Metalls – stimmte sogar die Nationale Partei.

Die Verstaatlichungen erfolgten zum Teil ohne Entschädigung. Der neue Präsident argumentierte, die Konzerne hätten sich aus dem „Reichtum Chiles“ jahrzehntelang überdimensionale Gewinne angeeignet. Eine Entschädigung sei daher nicht gerechtfertigt. Diese Politik alarmierte die Führung der USA. Präsident Nixon sah ein „zweites Kuba“ entstehen. Die Allende-Regierung intensivierte die Beziehungen zu den Staaten des „real existierenden Sozialismus“ – von dem in der lateinamerikanischen Linken weithin eine idealisierte Vorstellung herrschte.

Das US-Telekommunikationsunternehmen ITT, dessen Tochterfirma in Santiago verstaatlicht wurde, organisierte zusammen mit dem Geheimdienst CIA eine großangelegte Subversionskampagne. Das schloss Pläne zur Destabilisierung der chilenischen Wirtschaft ebenso ein wie die Unterstützung von Putschplänen. Die CIA war an der Ermordung General Schneiders beteiligt.

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Das Buch „Die beiden letzten Jahre Salvador Allendes“ des US-Botschafters Nathaniel Davis beschreibt die Kampagne von 1970/71 – die später ein Parlamentsausschuss in Washington untersuchte – einigermaßen unbefangen. Da­vis – er kam Ende 1971 nach Santiago – grenzt sich von einem dumpfen Antikommunismus ab, er weist Vorwürfe zurück, er habe eine Fortsetzung dieser „staatsterroristischen“ Strategie unterstützt.

Klammert man diese Frage aus, bleibt eine über weite Strecken erstaunlich differenzierte Analyse des chilenischen Experiments. Davis hebt die für ihn – und den „freien Westen“ – unerwarteten Momente hervor: freie Wahlen, die Respektierung der parlamentarischen Normen, die Unabhängigkeit der Justiz, Organisations- und Pressefreiheit.

In erster Linie analysiert das Buch die unbestreitbaren Defizite der Unidad Popular-Regierung – die kurzatmigen Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik, die unentschlossene Haltung gegenüber der extremen Linken, die nur formale Kontrolle über das Militär, die riskante Konfrontation mit den Mittelschichten.

1971 beschlossen die meisten westlichen Staaten einen Finanzboykott gegen Chile. Banken und der Internationale Währungsfonds verweigerten Kredite. Katastrophal wirkten sich ferner die hohen Schulden aus, die die Regierung Frei im Ausland aufgenommen hatte. Rückzahlungen und Zinsen belasteten den Staatshaushalt bedrohlich.

Auf Initiative der enteigneten Konzerne wurden Kupferlieferungen in europäischen und nordamerikanischen Häfen beschlagnahmt. Gleichzeitig stürzten die Weltmarktpreise für das „rote Gold“ ab.

Anders als im Fall Kubas engagierte sich die Sowjetunion – in der Zeit der anbrechenden Entspannungspolitik – nur vorsichtig. Dennoch erhielt die Regierung Allende nennenswerte Kredite. Unterstützung kam auch von „progressiven“ Industriestaaten wie Schweden und von vielen Entwicklungsländern. Chile beteiligte sich an ersten wenig erfolgreichen Versuchen, die Kupferexporte der Dritten Welt – nach dem Beispiel der OPEC – zu koordinieren. All das war kein wirkliches Gegengewicht zur Wirtschaftsblockade.

Wegen der sinkenden Deviseneinnahmen musste das Land den Import von Maschinen und Ersatzteilen immer mehr einschränken – mit ruinösen Folgen.

Schon die außenwirtschaftlichen Probleme hätten wahrscheinlich zu einem Scheitern der Unidad Popular geführt. Aber auch innenpolitisch geriet das „chilenische Experiment“ in eine tiefe Krise.

Die Regierung hatte den Widerstand der Großgrundbesitzer und Industriellen – und deren Einfluss auf die Christdemokraten – unterschätzt. Es kam zu einem „Investitionsstreik“ und Produktionseinbrüchen. Stattdessen wurde immer mehr Kapital illegal über die Grenzen geschafft.

Außerdem verlief die Reorganisation der verstaatlichten Unternehmen und der Landwirtschaft oft chaotisch. Ein weiteres Problem war die unkontrollierte Ausweitung der Geldmenge. Die Einkommenssteigerungen für die ärmeren Bevölkerungsgruppen führten zu einer „exzessiven“ Nachfrage nach Steaks, Bonbons und Blue Jeans. Dieser nachholende Konsum trieb die Inflationsrate wieder in die Höhe und beanspruchte die zusammengeschmolzenen Devisenreserven übermäßig.

„Wir waren nicht genügend darauf vorbereitet,“ so Orlando Mardones „eines Tages die politische Macht in unseren Händen zu halten. Wir, die gewählten Vertreter der Arbeiter, sollten auf einmal die Interessen der Beschäftigten und die des Staates vertreten. Wir wurden auf den Betriebsversammlungen angegriffen. Die Arbeiter forderten immer wieder größere Lohnerhöhungen, als Regierung und Gewerkschaften sie ausgehandelt hatten.“

Die Unidad Popular hatte gehofft, die „Oligarchie“ – die Großgrundbesitzer und Großindustriellen – zu isolieren und die „produktiven“ Schichten der Selbständigen, Angestellten und Beamten auf ihre Seite zu ziehen. Anfangs verbuchten diese durchaus höhere Realeinkommen, sie profitierten besonders von den gestiegenen Ausgaben des Staates für Bildung und Kultur. 1972 geriet die Linke jedoch in eine dramatische Konfrontation mit den Mittelschichten.

Dazu trugen nicht nur spontane Übergriffe von Arbeitern gegen kleine Bauunternehmer, Eiscremefabrikanten oder Konfektionshändler bei, die die Regierung zwar verurteilte, aber kaum verhinderte. Als sich 1972 Versorgungsschwierigkeiten und Preiserhöhungen häuften, organisierte die Opposition „Demonstrationen der leeren Kochtöpfe“ – an ihnen beteiligten sich vor allem Frauen aus den Vierteln der Besserverdienenden.

Ende 1972 begannen monatelange „Streiks“ von Einzelhändlern und Transportunternehmern, aber auch vielen Lkw-Fahrern „auf eigene Rechnung“. Ihnen schlossen sich Ärzte – die gegen die Ausweitung des staatlichen Gesundheitsdienstes protestierten – und Bankangestellte an. Der heftige Widerstand dieser Gruppen – flankiert von Terrorakten der extremen Rechten – kam für die Unidad Popular überraschend. Die Radikale Partei, einer der Koalitionspartner, war eine traditionelle Interessenvertretung von Beamten, selbständigen Akademikern und Kleinunternehmern.

Obwohl die Zahl der Beteiligten relativ gering war, führten die Proteste zu chaotischen Verhältnissen. Die Arbeitsverweigerung der Ärzte löste geradezu Panikstimmung aus.

„Auch in Talca gab es solche Boykottaktionen. Die Läden waren geschlossen oder die Händler hatten die Waren versteckt. Wenn man ein Kilo Mehl kaufen wollte, sagten sie „Ausverkauft!“ Wir haben die Läden mit Gewalt offengehalten und die Besitzer gezwungen, die Waren an die Leute zu verkaufen. Wir haben die Läden nachts bewacht, um zu verhindern, dass Waren abtransportiert wurden.“

Anfang 1973 befand sich die chilenische Wirtschaft in einer gefährlichen Krise – mit stagnierender oder sogar zurückgehender Produktion, der Entstehung von Schwarzmärkten und einer immer höheren Inflationsrate. Manche Waren mussten rationiert werden.

Während die Mehrheit der Sozialistischen Partei eine offensivere Politik verlangte, warnten Allende und die Kommunisten vor Illusionen und „revolutionärer Selbstüberschätzung“. Sie forderten eine „Stabilisierung des Erreichten“ in der Wirtschaft und versuchten, die Konfrontation mit den Mittelschichten abzuschwächen. Sie waren zu weitreichenden Kompromissen mit den Christdemokraten bereit, konnten sich aber in der Koalition nicht durchsetzen.

Fatal wirkten sich auch die Aktionen der extremen Linken außerhalb der Unidad Popular aus. Signalwirkung hatte die Ermordung des früheren christdemokratischen Innenministers Edmundo Pérez Zújovic am 9. Juni 1971. Gewaltsame Besetzungen von Landgütern und Fabriken nahmen zu. Solche Aktionen empfand ein großer Teil der Bevölkerung als Bedrohung. Andererseits lag bis Ende 1972 das Ausmaß politischer Gewalt aller Schattierungen nicht höher als zu Zeiten Alessandris oder Freis.

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Um die Richtungskämpfe innerhalb der Linken und um das Verhältnis von Regierung und Militär geht es in dem Buch „Altamirano“ von Patricia Politzer. Die profilierte Journalistin zeichnete Gespräche mit Carlos Altamirano – dem langjährigen Generalsekretär der Sozialistischen Partei – in dessen Pariser Exil auf. In ihren oft aggressiven Fragen sucht Politzer vor allem nach der Mitverantwortung der Linken für das Scheitern des „chilenischen Experiments“.

Altamirano rechtfertigt seine Forderung nach einem militanten Kurs mit den unzähligen Terrorakten der extremen Rechten, der ständigen Putschgefahr und der Einmischung der USA. In der Diskussion fünfzehn Jahre später wird jedoch deutlich, wie verhängnisvoll eine Politik der revolutionären Phrase war, die die realen Machtverhältnisse nicht sehen wollte.

Seit dem Wahlsieg Allendes war klar, dass man von der Armee äußerstenfalls Neutralität erwarten konnte und man mit einer starken rechtsradikalen Bewegung innerhalb und außerhalb des Militärs rechnen musste. Die Möglichkeiten der Regierung, Kommandoposten neu zu besetzen oder auch nur die Aktivitäten der Generäle zu kontrollieren, waren sehr begrenzt. Um so notwendiger wäre es gewesen – das hält Politzer Altamirano immer wieder vor und gibt dieser zögernd zu –, einer Konfrontation auszuweichen.

Ans Absurde grenzten die Appelle der MIR und der radikalen Strömung innerhalb der Unidad Popular, den bewaffneten Kampf vorzubereiten. Der Aufbau einer konspirativen „Selbstverteidigung der Revolution“ – einige tausend Arbeiter und Studenten mit Revolvern und improvisierten Sprengladungen, ohne zentrale Führung – war kaum mehr als ein provokantes Spiel. Im September 1973 zeigte sich, dass es keine wirkliche Vorbereitung auf den Putsch und die Illegalität gab. Der Bericht Altamiranos über seine Flucht erscheint halb tragisch, halb grotesk.

Altamirano hebt – sicher zu Recht – hervor, dass auch bei einer Verständigung mit den Christdemokraten und einem wesentlich ruhigeren Verlauf der sozialen Veränderungen ein Putsch keineswegs ausgeschlossen gewesen wäre.

Am 4. März 1973 fanden Parlamentswahlen statt. Die Unidad Popular gewann gegenüber den Präsidentschaftswahlen – trotz aller Schwierigkeiten – Stimmen hinzu und erreichte 43 Prozent.

Allerdings: Innerhalb der Christlich-Demokratischen Partei – die einen großen Teil der Mittelschichten repräsentierte – war längst die Richtung, die zu einer Verständigung mit der Regierung bereit war, in die Minderheit geraten.

Der wahrscheinlich einzige Ausweg aus der Krise, für den sowohl Allende als auch Radomiro Tomic eintraten – massive Zugeständnisse der Linksparteien, Aufgabe des Konfrontationskurses durch die Christdemokraten – war blockiert. Nationale Partei und Christdemokraten arbeiteten immer enger zusammen. So kam es – trotz der Stimmengewinne der Linken – zu einer deutlichen Rechtsverschiebung des politischen Spektrums.

Im Juli und August 1973 erreichte die Krise einen Höhepunkt, mit neuen „Streiks“ des Handels und der Transportunternehmer und einer Attentatswelle rechtsradikaler Organisationen.

In dieser Situation wurde deutlich, dass die Regierung nur eine formale Kontrolle über das Militär besaß. Dort gewannen extreme Gruppen immer mehr Einfluss. An ihrer Spitze: General Augusto Pinochet.

Am 22. August 1973 erklärte die Parlamentsmehrheit die Regierung für verfassungswidrig und forderte kaum verhüllt die Armee zum Eingreifen auf. Die Opposition glaubte, die Generäle würden Allende stürzen und sich bald wieder aus der Politik zurückziehen. Die Mitte-Rechts-Parteien trifft eine eindeutige Mitverantwortung für die Errichtung der Diktatur.

Anfang September war es ein offenes Geheimnis, dass Teile der Militärführung den Sturz der Regierung vorbereiteten. Loyale Kommandeure wurden isoliert. Der US-Geheimdienst unterstützte die reaktionäre Strömung finanziell und bei der Ausarbeitung detaillierter Aktionspläne. Die Regierung zögerte, gegen die Drahtzieher des Putschs vorzugehen, um keinen Bürgerkrieg auszulösen.

Am 11. September 1973 schlug das Militär los. Zu organisiertem Widerstand kam es kaum. Salvador Allende starb bei den Kämpfen um den Präsidenten­palast. In Chile begann die Diktatur.

„Die Militärkolonne hielt an einem Platz im Zentrum von Talca. Die Soldaten riefen die Leute aus den Häusern. Zuerst fragten sie „Haben Sie Herrn Orlando Mardones gesehen?“ Und die Leute antworteten „Nein, haben wir nicht, wir wissen nicht, wo er ist.“ Dann musste ich aufstehen, von dem Lkw herunterklettern und mich mit erhobenen Händen hinstellen. Der Hauptmann sagte: „Ah, da ist er ja, der euch aufgehetzt hat – aber jetzt haben wir ihn, und wir werden gut auf ihn aufpassen.“ Er fragte die Leute, ob ich zur Gewalt aufgerufen hätte. Und sie: „Nein, hat er nicht“. Er sagte „Du hast diese Leute von der Arbeit abgehalten – du bist ein Extremist, ein Subversiver. Aber jetzt ist Schluss, jetzt wird wieder gearbeitet in Chile.“ Er hielt eine grosse Rede mit all seiner Wut. Die Leute müssten die Politik vergessen und das Militär würde alle zur Vernunft bringen, die das Zusammenleben der Nation stören.“

* Nathaniel Davis, „Los dos ultimos años de Salvador Allende“, Plaza & Janes Editores, Esplugues de Llobregat (Barcelona) 1986;

Orlando Mardones, „Mensch, du lebst noch?“, Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt 1989 (Das Buch ist im Handel vergriffen, einzelne Exemplare sind – gegen einen Verrechnungsscheck über 8 Euro – beim Autor erhältlich: Orlando Mardones, Cranachstr. 48, 12157 Berlin);

Patricia Politzer, „Altamirano“, Ediciones Melquíades, Santiago de Chile 1990;

Osvaldo Puccio, „Ein Vierteljahrhundert mit Allende“, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1981.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 55, September 2003