Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 105, März 2016 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/132.ausgabe-105-maerz-2016.html

Neues von der MEGA

Georg Fülberth

Am 30. Oktober 2015 gab die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK), die Nachfolgeorganisation der früheren Bund-Länderkonferenz für Bildungsplanung und Forschungsförderung, bekannt, dass die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) weiterhin gefördert werden wird, und zwar auf 16 Jahre. Die Edition wird seit Anfang der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) getragen.[1] Sie wird operativ organisiert von einer Arbeitsstelle in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam (IISG), dem Russländischen Archiv für Sozial- und Politikgeschichte Moskau (RGASPI) sowie japanischen, deutschen und dänischen Editorenteams.

Die Entscheidung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz war keineswegs selbstverständlich. Längere Zeit galt das Vorhaben als gefährdet. Fördermittel für geisteswissenschaftliche Projekte sind knapp, um sie konkurriert eine steigende Zahl von Bewerber(inne)n. Dabei geraten immer mehr die so genannten Langzeit-Vorhaben unter den Druck der Behauptung, sie stünden Neuanträgen, die oft für sich geltend machen, sie brächten Innovationen, im Wege. Ein Opfer dieser Tendenz ist mittlerweile das Grimmsche Wörterbuch geworden, das als Prestige-Projekt für unantastbar galt und dessen Fortführung doch abgelehnt wurde.

Insbesondere Werkausgaben werden immer wieder einmal in Frage gestellt: ihnen wird nachgesagt, sie seien schwerfällig, oft überkommentiert und eben dadurch zeit- und geldraubend. Angesichts der neuen digitalen Möglichkeiten wird gefragt, ob ihre Drucklegung noch sinnvoll sei.

Tatsächlich hatte diesmal die MEGA nur unter der Voraussetzung eine Chance, dass sie nicht als Fortführung, sondern als neues Vorhaben beantragt wurde. Ihre Bewilligung erfolgte unter dem Titel „Marx-Engels-Gesamtausgabe in neukonzipierter, den Rezeptions-Gewohnheiten des 21. Jahrhunderts entsprechender Form“.

Was ist darunter zu verstehen?

Bekanntlich besteht die Marx-Engels-Gesamtausgabe aus vier Abteilungen. Die erste Abteilung umfasst – mit Ausnahme des „Kapital“ – sämtliche Bücher, Broschüren, Artikel und Reden von Marx und Engels, die zu deren Lebzeiten veröffentlicht worden sind; hinzu kommen die Vorstufen, spätere Bearbeitungen und die von den beiden selbst vorgenommenen Übersetzungen. Mittlerweile sind hier 20 von 32 Bänden erschienen. Die noch fehlenden Texte dieser Abteilung sind weiterhin für den Druck vorgesehen (allerdings in jetzt nur noch zehn Bänden), darunter Engels’ „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, die „Deutsche Ideologie“ und das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Bisher gibt es diese nicht in historisch-kritischer Edition.

Die zweite Abteilung (15 Bände) umfasst „Das Kapital“. Seit 2012 ist sie als Druckversion abgeschlossen. Zusätzlich können einige wichtige Teile jetzt auch im Netz eingesehen werden.[2] Es handelt sich um

- die „Grundrisse“,

- „Das Kapital“. Ökonomisches Manuskript 1863-1865,

- „Das Kapital“, erster Band, in der Fassung von Hamburg 1867,

- „Das Kapital“. Manuskripte zum zweiten Buch 1868 bis 1881,

- den zweiten Band des „Kapital“ im Redaktionsmanuskript von Friedrich
Engels 1884/1885,

- die Ausgabe des zweiten Bandes des „Kapital“ von 1885 und

- den dritten Band des „Kapital“ in der Druckfassung von 1894.

Eine noch nicht einmal zur Hälfte erledigte Baustelle ist die dritte Abteilung: sämtliche Briefe von und an Karl Marx und Friedrich Engels. Von den geplanten 35 Bänden sind erst 14 gedruckt erschienen. Die ersten 13 davon umfassen immerhin in geschlossener Reihe die Zeit vom Anfang an bis zum Dezember 1865. Dann kommt eine riesige Lücke, schließlich bislang noch als Solitär der Band III/30 für die Zeit vom 1. Oktober 1889 bis 30. November 1890. Es stehen also noch 21 Bände aus. Sie sollen nicht mehr gedruckt, sondern nur noch als Digitalisate veröffentlicht werden.

Ähnlich sieht es mit der vierten Abteilung – Manuskripte und Exzerpte – aus. Bislang sind 13 von 32 Bänden erschienen. Hier werden nur noch die ökonomischen „Krisenhefte“, die Exzerpte zur Agrochemie und die „Londoner Hefte“ 1850-1853 (Vorarbeiten zu den „Grundrissen“) gedruckt werden. Alles andere soll ausschließlich digital erscheinen.

Die hier referierte Neuorganisation ist nicht in erster Linie als Sparmaßnahme (deren Ertrag vorab kaum beziffert werden kann) zu bewerten. Es zeichnen sich Vorteile für die wissenschaftliche Bearbeitung und Nutzung unter technischen Gesichtspunkten ab.

Der größte wird die sehr erweiterte Zugänglichkeit sein. Künftig wird für die MEGA open access gelten, nicht nur für die folgenden digitalen „Bände“, sondern hoffentlich auch für Scans früherer Druckausgaben.

Manchen Editor(inn)en wird nachgesagt, dass man ihnen die von ihnen erarbeiteten Bände oft nur mühsam entreißen kann. Sie halten sie gern möglichst lange fest, denn sie wissen, was man alles noch hätte besser machen können, und außerdem fürchten sie, dass nachträglich Fehler entdeckt werden. Sind die erst einmal gedruckt, sind sie allenfalls in einer späteren Auflage wieder zu reparieren. Anders steht es mit einer digitalen Ausgabe. Hier kann ein Scan gelöscht und in korrigierter Form ersetzt werden.

Die Tatsache, dass seit 2015 ein großer Teil der Handschriften von Marx und Engels – nämlich soweit sie im IISG aufbewahrt werden – im Netz einsehbar ist[3], wird auch bei der Neuformatierung der MEGA wohl in Betracht kommen.

Aufgabe einer historisch-kritischen Ausgabe ist es bis, Texte in ihrer originalen Form unter Kenntlichmachung ihrer verschiedenen etwaigen Veränderungen so im Buchdruck wiederzugeben, dass die Benutzer(innen) sich die jeweilige von den Urhebern (hier: Marx, Engels und ihre Korrespondenzpartner/innen) erstellte Fassung zu erschließen vermögen. Jetzt kann man das direkt im Netz sehen, aber mit Mühe: Marx’ Handschrift ist schwer leserlich, die so genannte „Deutsche Schrift“ auch anderer Autoren (darunter Engels’) ist heutigen (und wohl auch künftigen) Leser(inne)n nicht mehr geläufig. Umstellungen von Zeilen und ganzen Textblöcken bilden in den Scans ebenfalls oft ein Wirrwarr. Also sind Transkriptionen, Varianten- und Korrekturenverzeichnisse weiterhin sinnvoll. Denkbar ist, dass in Zukunft Links von einer Stelle auf die andere verweisen können und so eine Art Lotsenfunktion übernehmen.

In den „Zeugenbeschreibungen“ wurden bisher Stärke, Farbe und Format der Handschriften-Blätter bekannt gegeben, außerdem die Beschreibstoffe (Tinte, Blei- oder Buntstift) und Wasserzeichen. In der gegenwärtigen Darbietung der Scans bleiben diese unkenntlich, müssen also nach wie vor schriftlich dargestellt werden.

In den Erläuterungen der Apparate zu den einzelnen Bänden werden zeitgeschichtliche Anspielungen entschlüsselt. Dieser Service bleibt, soll – diese Auflage gibt es bereits seit einiger Zeit – aber auf das unmittelbar Sachdienliche beschränkt werden. Wo Marx, Engels und ihre Briefpartner(innen) auf andere Schriften – darunter Zeitungsartikel – und noch unveröffentlichte Handschriften hinweisen, werden diese in Archiven und Bibliotheken aufgesucht und mit ihren bibliografischen Angaben bzw. Signaturen verzeichnet. In wachsendem Maß stehen sie jetzt ihrerseits schon im Netz, das wird sich fortsetzen. Vorstellbar ist, dass künftig über Links zu ihnen hingeleitet wird. In den Erläuterungen wird durch Literaturhinweise auch auf den aktuellen Forschungsstand verwiesen. Bei Druckausgaben bleibt er auf das Erscheinungsjahr des Bandes fixiert, digital kann seine Weiterentwicklung berücksichtigt werden. Dies (wie ja auch schon die Aufnahme neuer Links gemäß fortschreitender Einstellung von Bezugsquellen ins Netz) setzt allerdings voraus, dass die Bände ständig „gepflegt“ werden.

Es gibt Risiken. Zum Beispiel: Was geschieht, falls irgendwann einmal die Netz-Infrastruktur zerstört werden sollte? So empfiehlt es sich, von jedem digitalen Band ein paar analoge Exemplare anzufertigen und zu archivieren.

Die bisherige Geschichte der MEGA verlief in drei Phasen:

- Die erste (MEGA1) begann 1927 mit David Rjasanow und endete in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts unter Stalin.

- Die zweite (MEGA2) dauerte von 1975 bis 1990.

- Es gelang danach, die MEGA2 zu retten, neu zu konzipieren und fortzusetzen.

Mit der Entscheidung vom 30. Oktober 2015 beginnt nun die vierte Periode. Die philologisch-historische Qualität kann beibehalten werden, der demokratisierte Zugang verspricht ein Gewinn zu werden.

[1] Vgl. zur Entwicklung in den 1990er Jahren: Rolf Hecker, Internationale Marx/Engels-Forschung und Edition, in: Z 33, März 1998, S. 8-25; Martin Hundt, Die MEGA geht weiter, in: Z 37, März 1999, S. 8-14.

[2] Unter der Adresse http://telota.bbaw.de/mega/

[3] http://search.socialhistory.org/Record/ARCH00860/ArchiveContentList

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 105, März 2016

Download-Dokumente: