Adam Smith und die Regierung der Unternehmer

22.03.2026

Vor 250 Jahren, im März 1776, erschien das Hauptwerk von Adam Smith unter dem Titel „Eine Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Reichtums der Nationen“ (An Inquiry into the Nature and Causes oft the Wealth of Nations), im deutschen Sprachraum oft abkürzend betitelt mit „Der Reichtum der Nationen“. Dieses Werk gilt als eines der wichtigsten Bücher der Weltgeschichte, verschiedentlich verglichen mit der Bibel, Darwins „Über die Entstehung der Arten“ und dem Marx’schen „Kapital“. Obwohl letzteres explizit auch auf den Arbeiten von Smith aufbaut, wurde und wird der „Reichtum …“ als Grundsatzdokument des liberalen Bürgertums, als Geburtsurkunde der freien Marktwirtschaft und als Absage an Staatsinterventionismus betrachtet. Angesichts dieser Bewertungen ist erstaunlich, wie wenig Aufmerksamkeit die bürgerliche wissenschaftliche Welt dem „Stammvater der modernen Volkswirtschaftslehre“ (FAZ, 10.3.26) anlässlich des zweihundertfünfzigsten Jahrestages schenkt. Anders noch 1976, als es aus Anlass des zweihundertsten Erscheinungsjahrs nach Aussage von Claus Recktenwald, dem Herausgeber einer neu übersetzten Ausgabe, zu einer regelrechten „Smith-Renaissance“ (Vorwort, XIV) gekommen war.[1]

Warum das zweihundertjährige Jubiläum des Buchs auch in der deutschen wissenschaftlichen Landschaft stark beachtet wurde, während es fünfzig Jahre später nur noch in ein paar Feuilleton-Kommentaren Erwähnung fand, dürfte mit der veränderten politischen Situation einerseits und dem intellektuellen Niedergang der deutschen Wirtschaftswissenschaften andererseits zusammenhängen. Recktenwald und andere legten in ihren Analysen 1976 den Akzent auf den liberalen Charakter des „Reichtums …“ und bemühten sich, ihn gegen Marx und die Ideen des Klassenkampfs in Stellung zu bringen – bis hin zu der eher grotesken Behauptung, Smith habe nicht – wie von Marxisten behauptet – die menschliche Arbeit als wichtigste Quelle des Wohlstands angesehen: „Die jährliche Arbeit eines Volkes ist die Quelle, aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens versorgt wird, die es im Jahr über verbraucht“, hieß es im ersten Satz des Buchs (3). Recktenwald unternimmt sprachliche Verrenkungen, um die in diesem Satz enthaltene Bekenntnis zur zentralen Rolle der Arbeit im Wertbildungsprozess als „irrige Behauptung“ abzutun (Vorwort, X).

Zwar spielen die Beschwörung der freien Märkte und die Ablehnung des Klassenkampfes immer noch eine wichtige ideologische Rolle – tatsächlich aber stehen heute andere Aspekte im Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik: Die staatliche Förderung von wirtschaftlichen ‚Champions‘ (vulgo: Monopolen), die Unterordnung des Staates unter die Profitinteressen großer Konzerne, die Übertragung von staatlichen Aufgaben an Unternehmer, die Funktionalisierung des internationalen Handels zu geopolitischen Zwecken, die Integration von Wirtschafts- und Militärpolitik prägen die wirtschaftspolitischen Debatten der Gegenwart. Das Zentralorgan des konservativen Bürgertums, die FAZ, hat auch im Falle von Smith den richtigen Riecher: In ihrem Jubiläumsartikel lässt sie den Autor fragen „ob Smith der Gegenwart etwas zu den Themen Krieg und Frieden und der optimalen Ausgestaltung einer internationalen Handelsordnung zu sagen hat.“ Obwohl er Smith zum „Pionier der Geoökonomie“ erklärt, findet der Autor für diese steile These im Werk selbst kaum Belege, die Smith als Förderer von ‚Kriegstüchtigkeit‘ erscheinen lassen könnten: Im Gegenteil sieht dieser auch die Gefahr für die Freiheit, die von einem stehenden Heer ausgehen könnte.

Zwar war Smith der Ansicht, dass der freie Wettbewerb die beste bzw. natürlichste aller möglichen Wirtschaftsordnungen sei – gefährdet aber wird diese nicht vom Staat, sondern vor allem vom Unternehmer. Tatsächlich warnt Smith im „Reichtum …“ davor, dem nur seinem Eigeninteresse verpflichteten Unternehmer irgendeinen politischen Einfluss einzuräumen: „Das Interesse der Kaufleute aller Branchen in Handel und Gewerbe weicht in mancher Hinsicht stets vom öffentlichen ab, gelegentlich steht es ihm auch entgegen.“ (213) Als hätte Smith Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger & Co und deren aktuelle politischen Interventionen schon gekannt, heißt es dort: „Jedem Vorschlag zu einem neuen Gesetz oder einer neuen Regelung über den Handel, der von ihnen kommt, sollte man immer mit großer Vorsicht begegnen. Man sollte ihn auch niemals übernehmen, ohne ihn vorher gründlich und sorgfältig, ja, sogar misstrauisch und argwöhnisch geprüft zu haben, denn er stammt von einer Gruppe von Menschen, deren Interesse niemals dem öffentlichen Wohl genau entspricht, und die in der Regel vielmehr daran interessiert sind, die Allgemeinheit zu täuschen, ja, sogar zu missbrauchen.“ (ebd.) Gerade weil die Unternehmer nur ihren Eigennutz im Auge haben, darf man ihnen niemals politischen Einfluss einräumen – dies ist eine Grundvoraussetzung bei Smith, der als zeitweiliger Zollkommissar durchaus auch für die Einführung bestimmter Steuern eintrat. Seine im Kontext einer Diskussion des Kolonialismus geäußerte Auffassung: „Die Herrschaft einer privilegierten Gesellschaft von Kaufleuten ist wohl die schlimmste aller Regierungen für jedes Land“ – kann man getrost verallgemeinern. Die Privatisierung von öffentlichen Aufgaben, die Bewunderung libertärer und anarchokapitalistischer Positionen, wie sie heute in den neoliberal orientierten Wirtschaftswissenschaften gang und gäbe ist, hat mit dem humanistischen Credo von Smith nicht das Geringste zu tun. Neoliberale Positionen, die letzten Endes für die Unterordnung des öffentlichen Raumes unter die Gewinninteressen des Kapitals eintreten, stehen in diametralem Gegensatz zu den im „Reichtum …“ vertretenen Grundsätzen. Gerade weil Smith davon ausgeht, dass die Unternehmer vom Gewinn leben, dass sie vom „Gewinnstreben“ geleitet werden (212), weiß er, dass höchstes Misstrauen am Platz ist, wenn diese vorgeben, „ihre Geschäfte dienten dem Wohl der Allgemeinheit“ (371).

Würde man sich heute seriös mit Smith‘ Werk auseinandersetzen, würde sehr schnell deutlich werden, dass die Übernahme von politischen Ämtern durch Unternehmer, die Vermischung von Geschäft und Politik, wie sie heute geradezu als Tugend gepriesen wird, dort heftig und mit guten Argumenten kritisiert wird. Der „Reichtum der Nationen“ kann und muss heute als Kritik des Neoliberalismus gelesen werden. Der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream scheint dies intuitiv erfasst zu haben und lässt daher lieber die Finger von diesem toxischen Werk.

Jörg Goldberg

 

[1] Im Folgenden wird nach der von Claus Recktenwald besorgten und mit „Der Wohlstand der Nationen“, München 1974, betitelten Ausgabe zitiert, weil diese heute am leichtesten zugänglich ist. Trotzdem sei hier auch die über Strecken besser übersetzte und von Peter Thal differenziert eingeleitete Ausgabe in drei Bänden erwähnt, die 1976 im Berliner Akademie-Verlag erschienen ist.