Das Ende der sechzehnjährigen Fidesz-Regierung war unspektakulär. Viktor Orbán gratulierte seinem Gegner Péter Magyar zum Wahlsieg. Dieser war deutlich: Der rechtsnationalistische Fidesz lag mit 38,7 Prozent der Stimmen deutlich hinter der etwas gemäßigter rechtsnationalistischen Tisza von Péter Magyar mit 52,9 Prozent. Außerdem übersprang die rechtsextreme Mi Hazank mit 5,8 Prozent der Stimmen die Fünfprozenthürde. Es kam aber für Fidesz noch schlimmer. Dank des überragenden Erfolgs in den Einzelwahlkreisen, in denen 106 von insgesamt 199 Parlamentssitzen vergeben werden, erreichte Tisza mit 141 Sitzen eine komfortable Zweidrittelmehrheit. Sie ermöglicht der Partei, aus dem starren Korsett der Verfassung, die Fidesz auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten hatte, auszubrechen. Nur eine der bisherigen liberalen Oppositionsparteien, die Demokratikus Koalíció (DK), trat überhaupt flächendeckend an. Sie erreichte nur 1,1% Prozent der Stimmen. Damit ist im neuen Parlament nur die nationalistische Rechte in verschiedenen Schattierungen vertreten. Auch dies ist eine tiefe politische Zäsur. Fidesz hat zwar die Wahl verloren, aber in den 16 Regierungsjahren das Koordinatensystem der Parteien weit nach rechts verschoben.
Der Hauptgrund für die Wahlniederlage von Fidesz ist in der stagnierenden Wirtschaftslage und gleichzeitigen Reichtumsakkumulation bei eng mit Partei und Ministerpräsidenten verbundenen Geschäftsleuten zu sehen. Seit den frühen 1990er Jahren haben ungarische Regierungen auf Auslandsinvestitionen in der Exportindustrie, speziell in der Autoindustrie, gesetzt. Dieses Modell ist in der ganzen Region in der Krise. Die wirtschaftliche Stagnation Ungarns wurde durch das Einfrieren eines Großteils der EU-Gelder aufgrund von Rechtsstaatsproblemen und vor allem Kontroversen in der Ukraine-Politik vertieft. Die Fidesz-Regierung hat Gesundheitsdienste und Bildung völlig unzureichend finanziert, so dass diese sich verschlechterten. Vor diesem Hintergrund nahmen immer größere Bevölkerungskreise Anstoß an der zunehmenden Zurschaustellung von Reichtum durch Fidesz-nahe Geschäftsleute, teils aus dem engsten Umfeld von Ministerpräsident Viktor Orbán.
Fidesz wirkte zunehmend abgehoben. Im Wahlkampf kamen Alltagsprobleme der Bevölkerung kaum vor. Stattdessen setzte Fidesz auf ein außenpolitisches Thema: den Frieden. Die Fidesz-Regierung kritisierte die EU dafür, keine Konzepte für eine politische Lösung des Krieges in der Ukraine zu entwickeln. Auch gingen ihr die Sanktionen, speziell im Energiebereich, zu weit. Innenpolitisch wandelte Fidesz allerdings die Distanzierung von der Konflikteskalationspolitik der EU in eine personifizierte Hasskampagne gegen den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelenskyj um, die sich in ein Muster zahlreicher ähnlicher Kampagnen gegen ›innere‹ und ›äußere‹ „Bedrohungen“ von Soros bis zu sexuellen Minderheiten einfügte.
Große Teile der Bevölkerung hatten diese Art von Kampagnen und speziell die gegen Zelenskyj satt. Sowohl diese Kampagne als auch der Besuch des US-Vize-Präsidenten J. D. Vance kurz vor dem ungarischen Wahlgang standen im Widerspruch zum selbsterklärten Anspruch von Fidesz, eine Friedenspartei zu sein. Spiegelbildlich spielte Magyar vorsichtig, die liberalen Oppositionsmedien hingegen offensiv die anti-russische Karte, die in der ungarischen Bevölkerung mit ihren starken anti-russischen Ressentiments auch deutliche Resonanz findet. In den liberalen Medien wurde Ministerpräsident Orbán und Fidesz als trojanisches Pferd Russlands in der EU dargestellt, auch gab es Gerüchte über angebliche Einmischungspläne russischer Agenten.
Letztlich führte die aggressive Kampagnenpolitik von Fidesz tatsächlich zu einer starken Mobilisierung – allerdings auf Seiten der Opposition. Mit 79,4 Prozent erreichte die Wahlbeteiligung Rekordhöhe und sie nutzte vor allem Tisza. Speziell jüngere Wähler und Bewohner größerer Städte wählten Tisza. Fidesz verlor etwa 700.000 Stimmen – auch in ländlichen Regionen.
Péter Magyar betrat erst vor zwei Jahren die große politische Bühne. Er gehörte vorher zur mittleren Garnitur von Fidesz. Als früherer Insider zog seine Kritik an der klientelistischen Begünstigungswirtschaft von Fidesz große Aufmerksamkeit auf sich. In zwei entscheidenden Punkten ging Magyar andere Wege als der Mainstream der bisherigen Opposition, von der er sich ebenso scharf wie von Fidesz abgrenzte: Er stellte Alltagsprobleme in den Vordergrund ohne die diskreditierten neoliberalen Rezepte der 1990er und frühen 2000er Jahre als Lösung anzupreisen, und er ging gezielt in die ländlichen und kleinstädtischen Fidesz-Hochburgen. Er vermochte seine Bewegung zum Haupthoffnungsträger für eine Abwahl von Fidesz zu machen. Die meisten liberalen Parteien verzichteten zugunsten von Tisza auf einen Wahlantritt.
Inhaltlich blieb Magyar vage. Seine Symbolik und Rhetorik sind nationalistisch. Allerdings zeigte er sich stärker EU-orientiert. Zentrales Ziel von Tisza ist die Freigabe der EU-Gelder. Dafür wird die neue Tisza-Regierung ihre Haltung zur Ukraine und zu Russland ändern. Auch sandte er Signale an das Auslandskapital.
Tisza ist völlig auf Magyar zugeschnitten. Nur wenige Personen mit politischer Erfahrung – überwiegend bei Fidesz – umgeben Magyar. Dieser setzte fast völlig auf politisch unbelastete, aber auch unerfahrene Wahlkreiskandidaten. Diese durften teils nicht einmal Interviews geben. Die Aktivisten sind in einem Netzwerk von »Tisza-Inseln«, das um die Partei gruppiert ist, aktiv. Eine solche Struktur war sehr hilfreich in der Wahlkampfmobilisierung, sie weist aber schwere Demokratiedefizite auf und ist für eine Regierungspartei wenig geeignet.
Tisza wird sich in der Regierung sowohl einer politisch erfahrenen Opposition als auch einem Staatsapparat, in dem Fidesz-Leute die Schlüsselpositionen besetzen, gegenübersehen. Um Zugriff auf die Spitzenämter in wirtschaftlichen Regulierungsbehörden, Rechnungshof etc. zu bekommen, wird Tisza in die Verfassung eingreifen müssen. Den Kampf in dieser Frage nahm Tisza noch am Tag nach den Wahlen auf. Zahlreiche Konflikte zwischen Fidesz und Tisza sind mit Blick auf den Staatsapparat zu erwarten. Liberale, grüne und linke Kräfte stehen vor einem völligen Neuanfang.
Zeichnet sich auch eine außenpolitische Neuorientierung Ungarns in Richtung Brüssel ab, so ist innenpolitisch viel weniger klar, was sich wirklich ändern wird.